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Wie der 100-Dollar-Laptop unsere Welt verändern wird


Quelle

Im ersten Moment klingt es wie ein Märchen oder – um einen internetaffineren Ausdruck zu verwenden – wie eine “Urban Legend”. Unter Leitung eines Professors organisiert eine Nichtregierungsorganisation in enger Zusammenarbeit mit Computerfirmen und einem weltweiten Netzwerk aus ehrenamtlichen Mitarbeitern die Entwicklung und den Vertrieb eines bezahlbaren Laptops für Kinder in den ärmeren Ländern dieser Welt. Aber es ist kein Märchen sondern Realität. Mehr als ein Jahr ist es her, dass ich zum ersten Mal davon hörte. Im Juni 2006 bemerkte ich auf der Vorgängerversion dieses Blogs, dass angesichts damaliger Beiträge im Focus und Spiegel endlich auch etabliertere Medien das Thema aufgreifen würden. Zwölf Monate später sind OLPC-Artikel in deutschen Medien schon längst keine Seltenheit mehr und der “100-Dollar-Laptop” bzw. OLPC-Laptop (Vom Projektnamen “One Laptop per Child”) wird zu Testzwecken bereits an die ersten Grundschulklassen in Nigeria und Uruguay ausgeteilt.


DER GRUNDGEDANKE

Mehrfach hat Initiator Nicholas Negroponte betont, dass “One Laptop per Child” kein Laptop-Projekt, sondern ein Bildungsprojekt sei. Ziel ist, Schwellenländern denn Kauf eines Laptops für alle Schulkinder zu ermöglichen, die damit ununterbrochenen Zugang zu Material, Methoden und Informationen erhalten sollen. Dank extrem sparsamer und effektiver Technik soll der Laptop trotz aller seiner Funktionen nur 100,- US-Dollar kosten. Negroponte zeigt sich optimistisch, den Preis von zurzeit etwa 175,- US-Dollar dank fallender Speicherpreise bis 2008 unter die anvisierte Marke zu drücken.

Diese Karte gibt eine Übersicht der aktuellen OLPC-Aktivitäten auf der ganzen Welt. Zuerst soll der Laptop in den grünen Ländern, dann in den roten verkauft und verteilt werden. In den orangenen Ländern gab es bereits Interessensbekundungen durch Bildungsministerien oder höhere Stellen und in den gelben (also auch Deutschland) steht die Initiative noch ganz am Anfang. (Quelle)

DIE TECHNIK

Der Prozessor (ein AMD Geode LX-700@0,8W) läuft mit 433 Mhz, was OLPC-Mitarbeiter Ivan Kristic zufolge ungefähr dem Level besserer Laptops im Jahre 2000 entspricht. Der Hauptspeicher hat 256 MB und anstelle einer Festplatte wird ein 1024-MB-Flashspeicher eingebaut. Diese Lösung ist nicht nur günstiger, sondern auch unempfindlicher gegenüber Beschädigungen. Es gibt drei USB-Anschlüsse, einen Slot für SD-Karten, einen Mikrofon-Eingang sowie einen Lautsprecher-Ausgang.


DER BILDSCHIRM

Der 7,5-Zoll-große Bildschirm des OLPC-Laptop hat eine Auflösung von maximal 1200 x 900 Pixel. Er funktioniert selbst bei größter Sonneneinstrahlung, weil er sich dann bequem von Farb- auf Schwarz-Weiß-Display umstellen lässt.

Als Innovation ist die Kombination der Anzeige durch Hintergrundbeleuchtung und Reflexion anzusehen. Soweit bei dem verwendeten Display bei eingeschaltetem Farbbild-Modus Sonnenlicht auf den Bildschirm fällt, werden zwar die Farben blasser, weil dann zunehmend – durch die Reflexion des Sonnenlichts – die Anzeige in den Reflexions-Modus Übergeht. Allerdings erhöht sich durch die Reflexion auch der Kontrast der (nun Schwarz-Weiß-)Anzeige. Zudem steigert sich die AuflÖsung von 800 x 600 Pixel auf 1200 x 900 Pixel, was die Lesbarkeit des Bildschirms erhÖht. Bei vollem Reflexions-Modus beträgt die Auflösung 200 dpi und ist damit höher als bei 95 % aller bisher verwendeten Computerbildschirme. (Quelle:Wikipedia)

Zusätzlich lässt sich der Bildschirm um die eigene Achse drehen und die Bildschirmdarstellung sich – wie beim iPhone – wahlweise horizontal oder senkrecht einstellen. So kann man den Laptop innerhalb von Sekunden sowohl in einen praktischen E-Book-Reader als auch in ein “Handheld”-Spielgerät verwandeln.


DAS THEMA ENERGIE

Nichts gegen meinen Acer 5101AWLMi, aber sein Akku hält nicht mal anderthalb Stunden und auch sonst lÄsst sich mit handelsüblichen Laptops unter Verwendung der teuersten Akkus nicht mehr als etwa vier Stunden arbeiten. Die Laufzeit für den OLPC-Laptop wird zurzeit auf über zehn Stunden geschätzt, wobei auch danach auf eine Steckdose getrost verzichtet werden kann. Denn ein mitgelieferter Jojo erlaubt es, die Akkus mit Muskelkraft wieder aufzuladen. Das Ziel ist, mit einer Minute Aktivität zehn Minuten Laptopbetrieb zu ermöglichen. Dabei darf aber nicht unerwähnt bleiben, dass der OLPC-Laptop im aktiven Einsatz nur etwa 2,5 Watt verbraucht, während normale Laptops 20 bis 40 Watt und Desktop-Rechner gar über 70 Watt fressen. Wenn der OLPC-Laptop im ausgeschalteten Zustand weiterhin als Knotenpunkt im Netzwerk mit anderen Laptops wirkt, soll der Verbrauch auf 0,3 Watt zurückgehen.


ALLERLEI PRAKTISCHE DETAILS

Der innovative Bildschirm ist bereits etwas weiter oben beschrieben worden. Doch dies ist nur eine von vielen, vielen praktischen Ideen und Gedanken, die Experten und Kreative in das Projekt eingebracht haben. So wird der Laptop besonders robust sein, weil es unter anderem mangels einer Festplatte keine beweglichen und damit besonders anfälligen Teile geben wird. Durch seine Bauform und die geschlossene Tastatur sollten Schmutz und Feuchtigkeit keine große Gefahr darstellen. Der zum Aufladen gedachte Jojo soll an der Zugstärke in Sekundenbruchteilen analysieren können, ob ein kleines Kind oder ein erwachsener Mann an ihm zieht. Auf Basis seiner Einschätzung wird er automatisch einen passenden elektrischen Widerstand bieten und so jeweils einen maximalen Energiegewinn ermöglichen. Eine hochauflösende Webcam mit 640 x 480 Pixeln und ein Mikrofon ermöglichen nicht nur das Aufnehmen von statischem und bewegtem Bild und Ton sondern auch die Nutzung einer schier unbegrenzten Zahl an Zusatzgeräten wie Thermometern, Oszillografen, Mikroskopen und anderen Systemen, deren Messergebnisse sich mit Tonsignalen auf den Laptop übertragen und dort weiterbearbeiten lassen. Dank zweier berührungsempfindlicher Flächen zu beiden Seiten des Touchpads soll es zudem möglich sein, mit einem Stift auf dem Computer zu schreiben. Zwei Leuchtdioden sorgen dafür, dass das Keyboard auch in der Dunkelheit zu sehen ist. Mit seinen Maßen von 24,2 cm – 22,8 cm – 3,0 cm und einem Gewicht von 1,4 Kilogramm ist der OLPC-Laptop in der Klasse der Subnotebooks einzuordnen, die normalerweise gerade wegen ihrer Größe besonders teuer sind.


INTERNET UND NETZWERK

Jeder OLPC-Laptop verfügt über zwei süße Antennenohren, die ihm sowohl eine direkte Netzwerk-Verbindung mit umliegenden Laptops als auch einen Zugang ins Internet ermöglichen. In einem Interview ist die Rede davon, dass alleine durch die Positionierung der Antennen außerhalb der restlichen Technik die Wifi-Leistungsfähigkeit gegenüber herkömmlichen Laptops um das Dreifache gesteigert werden konnte.


PROGRAMME UND INHALTE

Der OLPC-Laptop wird mit einem umfangreichen Freeware-Programmpaket auf Linuxbasis ausgeliefert. Dies hat zwar absichtlich auf den ersten Blick eher kindlichen Charakter, aber zum einen beginnt die Zielgruppe ja auch im Alter von sechs Jahren und zum zweiten lässt sich nichts so leicht ändern, anpassen und entwickeln wie Programme – vor allem wenn es sich auf Linux basierende freie Software für eine technische Plattform handelt, deren Daten komplett offen zur Verfügung stehen. Zusätzlich hat Ebay für das Projekt bereits den Service von Paypal (Onlinebezahlung) und Skype (Internettelefonie) zugesagt, während Google Landkarten zur Verfügung stellen will.


DAS ENTSTEHUNGSPRINZIP

Nicht nur das Produkt ist rundherum bemerkenswert, sondern auch seine Entstehung. Es wäre wohl faszinierend, ein Organigramm aller beteiligten Personen erstellen zu können. Dank einer vollkommen offenen und effektiven Struktur leisten tausende Freiwillige in den Bereichen Hardware, Software und Vertrieb ihren Beitrag zum Gelingen des Projektes. Von den hierbei gemachten Erfahrungen werden alle größeren, zukünftigen Non-Profit-Projekte profitieren – Insofern “Non-Profit”-Projekte von etwas “profitieren” können ;-) .


EINE TECHNISCHE UND POLITISCHE REVOLUTION

Wenn wir ins Auge fassen, dass innerhalb des nächsten Jahrzehnts durch das OLPC-Projekt mehrere Hunderttausend neue Nutzer das Internet für sich entdecken werden, eröffnet dies reichlich Raum zur Spekulation. Was werden diese Menschen im Netz machen? Wie stark wird der Markt für internetbasierende Anwendungen wachsen? Werden die Besucherzahlen vor allem englischsprachiger Seiten und Blogs wachsen? Wird sich das Internet, wie wir es heute kennen, vielleicht sogar radikal ändern?

Bereits jetzt ist im OLPC-Wiki von sechsjährigen Afrikanern zu lesen, die als erstes Projekt nach wenigen Tagen mit ihrem neuen OLPC-Laptop bereits ein eigenes kleines Wörterbuch entwickeln. Man möge sich nur vorstellen, welche Kraft und Kreativität zukünftig gerade aus den dort bisher nur wenig vertretenen Entwicklungsländern ins Internet drängen und es mitgestalten kann. Dieses Projekt bedeutet nicht weniger als eine Revolution und zwar nicht nur in technischem sondern auch purem politischen Sinne. Denn wenn tatsächlich ganze Generationen von Jugendlichen die Möglichkeit haben werden, von Kindesbeinen an mit dem Computer zu arbeiten, wird dies den Bildungsgrad und damit auch das politische Bewusstsein der betroffenen Länder von Grund auf verändern. Wie leicht lassen sich dann politische Gedanken sammeln, Gruppen bilden, Ideen entwickeln ohne, dass dem von Regierung oder Sicherheitsbehörden Einhalt geboten werden könnte.

DER OLPC-LAPTOP ALS MÖGLICHKEIT ZUR ENTFALTUNG

Auch die beruflichen Perspektiven sind noch gar nicht abzusehen. Natürlich wird kein Kind oder Jugendlicher automatisch zum Programmierer, wenn ihm jemand einen Laptop in die Hand drückt. Aber der Werdegang wird sich zumindest zukünftig nicht mehr an der Technik, sondern an der Motivation und Bildung der Betroffenen entscheiden. Wieviele junge Forscher werden nun die Möglichkeit haben, ihre Experimente am Computer zu entwickeln und auszurechnen? Wieviele künsterlisch veranlagte Persönlichkeiten werden zukünftig ihre Texte schreiben, ihre Musik komponieren, ihre Fotos anfertigen und bearbeiten sowie jegliche sonstige kreative Betätigung über das Internet weltweit anderen Menschen zugänglich machen können. Wie leicht werden Sprachen zu erlernen sein, wenn sich innerhalb von Minuten passende Tandempartner auf dem ganzen Erdball finden lassen?


Gläckliche OLPC-Besitzer an der Grundschule in Nigeria. (Quelle)

Die infrastrukturellen Auswirkungen werden beachtlich sein. Theoretisch können Menschen in afrikanischen Dörfern sich über hunderte von Kilometern kontaktieren. In Gegenden, in denen auf mehreren Quadratkilometern bislang nur ein Telefon zur Verfügung stand, werden die Menschen sich nun per Videotelefonie austauschen können. Nebenbei bemerkt soll dies dann ja über Skype funktionieren, womit diese Form der Kommunikation dann sogar vollkommen umsonst sein sollte.

Für das Kernthema der intelligenten und umweltgerechten Produktion von Technik sind gänzlich neue Impulse zu erwarten. Man vergleiche die bei mehreren Billiganbietern in Industrieländern zu beobachtende Verhaltensweise, in Produkte wie Waschmaschinen, Küchengeräten, Hifi-Anlagen oder Mobiltelefonen “Sollbruchstellen” einzubauen. Oft ließe sich beispielsweise durch die nur geringfügig teuere Verwendung von Metall anstelle von Plastik bei gewissen Komponenten die Lebensdauer von Produkten erheblich steigern. Aber manche Hersteller scheinen zu fürchten, dass sie sich selber ihren Absatzmarkt zerstören würden, wenn ihre eigenen Produkte länger halten würden. Beim OLPC-Laptop sollte dieses Prinzip jedoch nicht greifen, da er nicht aus wirtschaftlichem Hintergedanken produziert wird.


Glückliche OLPC-Besitzer an der Grundschule in Thailand. (Quelle)

“One Laptop per Child” ist mit Sicherheit eines der, ja vielleicht sogar das einflussreichste Projekt dieses Jahrhunderts. Jeder Leser dieser Zeilen sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Auswirkungen bereits in den nächsten Jahren international zu spüren sein werden. Computertechnik wird effektiver, qualitativer und gleichzeitig günstiger werden. Die Open-Source-Bewegung wird durch OLPC als Katalysator ihren endgültigen Durchbruch erlangen. In sämtlichen strukturellen, politischen und wirtschaftlichen Bereichen wird der OLPC für Veränderungen sorgen. Und die jungen Generationen in Uruguay, Nigeria, Thailand und allen anderen internetaffinen Ländern werden mit ihrem Wissen wieder ihrerseits ganz neue Ideen und Projekte hervorbringen, die dann aber nicht mehr auf einzelne Regionen oder Länder beschränkt sein werden. Was für ein Kontrast: Im Moment haben in vielen Teilen Nigerias die Kinder kein eigenes Geografie-Buch, in dem sie etwas über beispielsweise Asien lesen konnten. Bald wird ein zehnjähriger Nigerianer sich einfach in einem Forum Kontakt zu einem gleichaltrigen Schüler in Thailand suchen und kann gemeinsam mit ihm sein Referat vorbereiten – per Videokonferenz. Die Vorstellung mag verrückt sein – aber diese Situation ist mittlerweile zum Greifen nah. Und ich schreib es hier mal, damit ich später sagen kann, dass ich der erste war, der es geschrieben hat: Nicholas Negroponte wird mit Sicherheit innerhalb der nächsten zehn Jahre den Friedensnobelpreis erhalten.


NÜTZLICHE LINKS

- OLPC auf einen Blick in der deutschen Wikipedia
- Alle Informationen im OLPC-Wiki
- Videoplattform olpc.tv
- Video bei der Märkischen Allgemeinen
- Video Inside OLPC Folge 1 | Folge 2 | Folge 3
- Das Betriebssystem zum Runterladen und ausprobieren als Live CD und als zu installierende Emulation


NACHTRAG – UND WAS IST MIT DEUTSCHLAND?

Was ist eigentlich in Deutschland in Sachen OLPC los? Der Eintrag auf der offiziellen OLPC-Wiki-Seite ist relativ emotional gehalten. In der deutschen Wikipedia heißt es etwas nüchterner:

Der Laptop ist nicht nur für Kinder aus Entwicklungsländern konzipiert, sondern für das Lernen eines jeden Kindes – explizit auch in den Industrienationen. Bislang gibt es jedoch noch keine deutsche Beteiligung an dem Projekt. Selbst eine deutschsprachige Version für die im Projekt verwendete Software gibt es nicht. Dabei wäre eine Beteiligung der Industriestaaten an dem Projekt sehr willkommen.

Und etwas weiter unten dann:

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dazu auf dem Technologiegipfel im Dezember 2006 in Potsdam keine Stellung genommen, obwohl es bei diesem Gipfel um eine Thematisierung solcher Fragen ging. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass Fragen der Schulausbildung, und damit auch die Frage des eingesetzten Lehrmaterials, in die Kompetenz der Bundesländer fallen. Ob und inwieweit moderne Informationstechnologie im Schulunterricht angewendet wird, werden wohl die 16 Ministerpräsidenten der Länder jeweils für sich zu entscheiden haben.

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  1. July 22nd, 2007 at 12:03 | #1

    Du hast das wichtigste vergessen, das OLPC-Laptop is for porn: ;)

    http://www.reuters.com/article/oddlyEnoughNews/idUSL1966647020070720

    Nein ernsthaft, ein wirklich unterstützenswertes Projekt, das ich auch schon lange beobachte …

  2. July 26th, 2007 at 23:03 | #2

    bin gerade ueber deine website gestolpert und da ich wohl eher unter die pessimisten falle, wollte ich mal ein paar ergaenzende sachen hinzufuegen.

    die ganze olpc sache kommt mir suspekt vor. wieso sollte ein land mit ungesicherter basisversorgung (wasser, nahrung, hygiene usw.) und mangelhafter infrastruktur geld fuer laptops ausgeben? ich glaube, dass es in anderen projekten sinnvolelr investiert ist. auszerdem sind die 100dollar in meinen augen nur die fixkosten. instandhaltung (anmerkung: kinder haben das ding in den haenden also wird es auch in mitleidenschaft gezogen werden.), ausbildung der lehrer und, soweit ich weisz, der internetanschlusz werden niergends beruecksichtigt.

    auszerdem sehe ich keinen effektiven nutzen in einem “pc” fuer einen menschen der ueber verhuetung aufgeklaert werden muss, dem verantwortungsvoller umgang mit der natur und eine grundbildung beigebracht werden muss.
    die dazu passenden buecher liegen auszerdem weit unter 100€ und man braucht mit sicherheit nicht eines pro kind.

    so. jetzt muessen der optimist und der pessimist nur noch eine synthese aus ihren argumenten erarbeiten und wir haben eine realistische prognose. :>

    gruesze~

  3. July 27th, 2007 at 01:11 | #3

    @Boots: Zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich Deine Art schätze, ausführlich und sachlich zu argumentieren.

    Ich denke, wir stimmen überein, dass in jedem Land der Welt die Versorgung der Menschen mit den wichtigsten Dingen zum Leben über eine entsprechende Infrastruktur sichergestellt werden sollte. Und tatsächlich ist oftmals in Fernsehberichten oder Zeitungsartikeln zu erfahren, dass es Länder gibt, in denen dieses Minimum noch nicht erreicht ist. Doch sollten Probleme in diesem Bereich ein Grund sein, die Kinder nicht mehr zur Schule zu schicken? Ich denke nicht. Und damit sehe ich für mich Dein Argument entkräftet, dass sich das Geld in anderen Projekten sinnvoller ausgeben ließe. Könntest Du konkrete Projekte nennen? Die Installation von Wasserleitungen, den Bau neuer Straßen? Dies alles muss geschehen, aber natürlich muss es und wird es in allen vom OLPC-Projekt betroffenen Ländern gleichzeitig bereits ein Schulsystem geben und damit auch Ausgaben für Lehrmaterial, Lehrkräfte und Schulgebäude. Ich bin mir bewusst, dass ich mich hier sehr allgemein ausdrücke, aber alleine am Beispiel der Länder Thailand, Nigeria und Uruguay wird deutlich, über was für unterschiedliche Gebiete, Kulturen und Systeme wir hier sprechen.

    Die grundlegende Frage ist ja, ob die Anschaffung eines 70-Euro-Laptops mit einer angedachten Lebensdauer von 5 Jahren als sinnvolle Investition bezeichnet werden kann. Deiner Kalkulation über den zu erwartenden Preis für die passenden Schulbücher kann ich leider nicht folgen, weil ich weder die Schulbuchpreise in Thailand noch in Nigeria kenne. Ich mutmaße aber mal, dass ein Großteil der vom OLPC-Projekt betroffenen Kinder zurzeit überhaupt keine Schulbücher bzw. nur eine kleine Auswahl besitzt. Wie soll ein Kind Deiner Meinung nach seine Hausaufgaben machen, wenn es sich sein Lehrbuch mit mindestens einem weiteren wenn nicht mehreren Mitschülern teilt? Der OLPC gehört ganz und gar seinem Besitzer. Er nimmt ihn mit nach Hause, kann ihn zu jeder Zeit benutzen und zwar nicht nur zum Lesen von digitalen Schulbüchern sondern auch zur Kommunikation mit anderen Personen, zur Recherche von Informationen, zum Schreiben, Fotografieren, Musizieren, Spielen und und und. Zurzeit wird zudem ein dreistufiges Sicherheitssystem entwickelt, um eine unzweckmäßige Nutzung durch Dritte sowie einen Weiterverkauf der Geräte von vorneherein zu verhindern und damit auch die Sicherheit der Schüler vor Überfällen zu gewährleisten.

    Wieso soll der OLPC Deiner Meinung nach keinen effektiven Nutzen im Biologie-Unterricht haben? Ich vermute, dass Du wie auch ich seinerzeit einem Biologielehrer zugehört und dabei in ein Lehrbuch geschaut hast. Die OLPC-Kinder werden ebenso einem Lehrer zuhören und zusätzlich in ihrem Biologie-E-Book auf dem OLPC-Bildschirm lesen. Kennst Du schon den E-Book-Modus des 100-Dollar-Laptops? (Hier ein Bild) Da liegt der Laptop zusammengeklappt, flach und klein auf dem Tisch, so dass auch nicht wie bei herkömmlichen Laptops der Monitor die Sicht zwischen Schüler und Lehrer beeinträchtigen könnte.

    Ich denke, dass die Kosten für die Ausbildung der Lehrer zu vernachlässigen sind. Zu beachten ist, dass sowohl die Technik als auch die Software darauf ausgelegt sind, von Personen ohne besondere Computerkenntnisse genutzt zu werden. Die intuitive Basis-Steuerung funktioniert über wenige Bildsymbole. Der Aufbau der Netzwerk- und Internetverbindungen soll vollkommen automatisch geschehen, so dass man nur noch auf die Personensymbole auf seinem Bildschirm klicken muss, um sich zu verbinden. Wenn Du dieses “Click and Learn” mal ausprobieren willst, kannst Du Dir übrigens ganz leicht die Bedienoberfläche “Sugar” auf Deinen eigenen Rechner installieren. Ich habe das mal gemacht. Es unterscheidet sich in seinem Grundaufbau von den uns bekannten Systemen, weil es bereits komplett auf die Verbindung und Interaktion mit anderen Computern in der Umgebung ausgelegt ist. Jeder sollte nach wenigen Augenblicken damit klar kommen. Gleichzeitig ist der OLPC jedoch ein vollwertiger Computer und mit ein bisschen Erfahrung können die Schüler ihre Software erweitern, ergänzen und verändern. Ein Programm zum Erstellen eigener Anwendungen ist sogar von Anfang an enthalten.

    Und die Kosten für die Internetverbindung? Nun, angedacht ist ja, für die Schulen jeweils 100-Dollar-Server zur Verfügung zu stellen, die dann über Satellitenanschluss oder herkömmliche Leitungen das Kettenglied zwischen dem Funknetzwerk der 100-Dollar-Laptops und dem Internet bilden sollen. Auch dafür werden Investitionen notwendig sein, die sich allerdings in einem überschaubarem Rahmen bewegen sollten. Wieviel es letztendlich kostet, wird natürlich vom jeweiligen Internetprovider abhängen.

    Insgesamt halte ich Deinen Gedanken für sehr wichtig, sowohl den inhaltlichen als auch den finanziellen Sinn des OLPC-Projektes deutlich zu hinterfragen. Gerade Projekte mit einer derartigen ökonomischen wie auch politischen Reichweite müssen kritisch begleitet werden. Unter anderem ist die Gefahr nicht zu unterschätzen, über eine so immense Technik-Monokultur und eine derart homogene Softwarelandschaft anfällig für speziell programmierte Viren zu sein. Hier zeige ich mich mal als Optimist und erwarte, dass die Verantwortlichen für jedweden Angriff auf die OLPC-Strukturen auch geeignete Gegenmaßnahmen programmieren können.

    Letztendlich stellt die OLPC-Gesellschaft aber nur die Infrastruktur und ermöglicht es damit den Menschen in den beteiligten Ländern, ihre Inhalte und Lehrmaterialien selbst zu erstellen, auszuwählen und zu bearbeiten. Ob die Schüler dann am Ende auf erotische Internetseiten surfen oder sich kreativ und sinnvoll beschäftigen, liegt zu einem großen Teil an den Lehrern.

    Soviel für den Moment. Ich hoffe, ich konnte Dir meine Sicht der Dinge darlegen.

    Fröhlicher Gruß aus Hamburg nach Leipzig!

  4. judidu
    August 17th, 2007 at 13:41 | #4

    Hallo,

    also ich kann eure Argumente fast alle nachvollziehen. Aber wieso kann man die Kosten
    für die Anbindung an das Internet vernachlässigen?
    Der deutsche Osten kämpft seit Jahren,
    obwohl schon viel (aber leider nicht passend für DSL) Infrastruktur vorhanden ist.
    Afrika hat sowas vor allem in ländlichen Regionen nicht, und selbst der Satellit braucht ja ne seperate Leitung für den Upload.
    Also ich seh da das größte Hindernis,
    denn Afrika z.B. ist ja auch von der Fläche nicht eben klein.

    Gruß aus Witten

  5. August 18th, 2007 at 20:52 | #5

    @judidu: Nun, genau genommen sind meiner oberen Argumentation zufolge die Kosten für die Spezial-Ausbildung der Lehrer “zu vernachlässigen”.

    Zu den Internetanschlüssen habe ich gesagt, dass sich die Investitionen “in einem überschaubarem Rahmen bewegen” sollten. Und das denke ich auch weiterhin. Ich weiß nicht, ob sich der deutsche Osten und Afrika in diesem Fall so gut vergleichen lassen. Denn die 100-Dollar-Laptops sollen sich ja selbstständig, frei und kostenlos zu einem Funk-Netzwerk verbinden, das es ermöglicht, bereits mit wenigen Basisstationen ein großes Gebiet online zu bringen. Dies sollte sich viel kostengünstiger erreichen lassen, als beispielsweise in Deutschland, wo für jedes Haus ein eigener Anschluss ans Kabelnetz gelegt wird. Ich weiß nicht, wie Du auf die separate Leitung für den Upload beim Satelliten kommst. Es gibt zwar aktuell Angebote, bei denen Privatpersonen ab 50,- Euro monatlich über Satellit im Netz surfen können und eine Telefonleitung dazu brauchen – aber der herkömmliche Weg ist ja soweit ich weiß, die Daten sowohl über Satellit zu senden als auch zu empfangen.

    Im Kern hast Du natürlich Recht: Das Projekt stellt nicht nur eine technische sondern auch eine finanzielle Herausforderung dar.

  6. November 5th, 2007 at 21:15 | #6

    “Was ist eigentlich in Deutschland in Sachen OLPC los?”, genau das fragen wir uns auch, Joachim. Und wir haben vor, der Ursache auf den Grund zu gehen und daran was zu ändern.

    Hat Deine Politiker-Rundmail eigentlich was gebracht? Würde mich sehr interessieren.

    Deine Art zu schreiben und deine optimistische Einstellung finde ich super. Ich würde mich freuen, von Dir zu hören.

    http://www.OLPC-Deutschland.de

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