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Warum ich Blogs lese – Im Pyjama im Wohnzimmer sitzen

Ich sammle und veröffentliche hier regelmäßig Geschichten, an denen sich erkennen lässt, wie Beiträge in Blogs sich auf die Berichterstattung in klassischen Medien auswirken. In einer Randbemerkung bei Thomas Knüwer bin ich auf die sogenannte “Killian documents controversy” gestoßen und neugierig geworden, was es damit auf sich hat. Das Ganze (Hier der Bericht in der englischen Wikipedia) hat sich zwar schon 2004 ereignet, scheint mir aber wertvoll genug, um an dieser Stelle noch einmal in Erinnerung gerufen zu werden.

Auslöser des Skandals waren Dokumente, in denen ein Lieutenant Colonel Jerry B. Killian von der texanischen Nationalgarde, über mehrere Verfehlungen des jungen Soldaten George W. Bush berichtete – dem wie wir alle wissen späteren 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Diese angeblich Anfang der Siebzigerjahre entstandenen Unterlagen aus der Feder des 1984 verstorbenen Killian kamen nun im September 2004 an die Öffentlichkeit – zufällig genau zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen, bei denen Bush für eine zweite Amtsperiode kandidierte, und damit mitten im Wahlkampf.

Ich erlaube mir, ein paar aussagekräftige Sätze aus der damaligen Berichterstattung der schweizer Weltwoche zu zitieren:

CBS News publizierte die Killian-Aktennotizen auch sofort auf ihrer Webseite. Darauf brach innert ein paar Stunden in der sogenannten «Blogosphäre» ein Sturm los. …

Im Internet meldeten sich bald ein gutes Dutzend Bloggers, die [...] bezweifelten, dass eine der 1972 existierenden Schreibmaschinen die Memoranden hätte herstellen können. Ein Blogger hatte herausgefunden, dass alle vier Dokumente millimetergenau eingemittet waren, was mit einer klassischen Schreibmaschine kaum machbar ist. Auch inhaltliche Zweifel wurden angemeldet: Die militärische Terminologie war nicht richtig. Militärexperten, Personen, welche die in den Dokumenten erwähnten Offiziere gekannt hatten, Juristen, Professoren, Computerprogrammierer, Schreibmaschinenliebhaber, Amateurdetektive etc. begannen sich an der Internet-Diskussion zu beteiligen, deren Ergebnis bereits nach einem Tag klar war. Bei den Aktennotizen handelt es sich um Fälschungen.

Wie dem höchst lesenswerten Artikel weiter zu entnehmen ist, ließen sich jedoch die CBS-Verantwortlichen auch nicht beirren, als in der Folge Konkurrenzsender und Zeitungen erste Zweifel an der Authentizität der Papiere äußerten. Doch sämtlichen Beteuerungen, die Dokumente seien echt, begegnete die amerikanische Blogosphäre mit Hohn. Letztendlich soll ein ehemaliger Vizepräsident von CBS News und ehemaliger Verantwortlicher für die Nachrichtensendung, in der nun die Dokumente vorgestellt worden sind, in einer Fernsehdebatte die denkwürdige Aussage getroffen haben:

“Man kann keinen stärkeren Gegensatz haben als denjenigen zwischen den vielschichtigen Überprüfungen und Abgleichen bei ‹60 Minutes› und einem Kerl, der im Pyjama in seinem Wohnzimmer sitzt und schreibt.”

Kurz darauf musste jedoch auch CBS selbst eingestehen, Fälschungen aufgesessen zu sein. Zahlreiche Mitarbeiter waren gezwungen, ihren Platz zu räumen und Amerika erhielt einen Medien-Skandal, der unweigerlich an die 1983 vom deutschen Magazin Stern erworbenen, falschen Hitlertagebücher erinnert.

Eine spannende Geschichte also, die anscheinend durchaus als Musterbeispiel der Schwarmintelligenz von Bloggern dienen kann – vorausgesetzt man weiß um die Rolle der “Kerle im Pyjama”. Ich war schon etwas erstaunt, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung es in ihrem damaligen Artikel nicht schaffte, auf die Blogs als Hintergrund der Enthüllungen hinzuweisen. Dort steht zum entscheidenden Punkt:

Die Witwe Killians äußerte später Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Dokumente. Experten wiesen zudem daraufhin, daß die ihrem Mann zugeschriebenen Aktennotizen nicht mit einer der damals üblichen Schreibmaschinen verfaßt worden seien.

Übrigens verwundert es mich ebenso, dass es bis heute keinen deutschen Wikipedia-Eintrag zu dem Skandal gibt. Oder schätzte ich vielleicht einfach die Relevanz falsch ein? Kann es sein, dass einer Online-Enzyklopädie, in der steht, welchen RGB-Farbwert die Simspons haben (255/217/15) einer der größten Medienskandale der jüngeren amerikanischen Geschichte nicht wenigstens drei Sätze wert sein müsste? Skurrilerweise fehlen sogar in dem deutschen Eintrag über das bei der Kontroverse maßgeblich beteiligte CBS-Journalisten-Urgestein Dan Rather sämtliche Details zu “Rathergate”. Wer hier nicht den englischen Eintrag zu Rate ziehen würde, würde also von einen Schlüsselaspekt in der Karriere Rathers nichts erfahren.

Übrigens findet sich unter www.rathergate.com noch heute ein Blog, das im September 2004 anlässlich der beschriebenen Vorgänge ins Leben gerufen worden ist und sich kritisch mit der amerikanischen Politikberichterstattung auseinandersetzt.

Nachtrag: Hier noch ein weiterer interessanter Beitrag mit dem Titel “How the Blogs Torpedoed Dan Rather“.
Nachtrag 2: Hier noch eine aktuelle Entwicklung zum Fall des Dan Rather.

Categories: Bloggen, Medien, Politik Tags:
  1. October 17th, 2007 at 23:26 | #1

    @ Wikipedia: Den Artikel gibt es nicht, weil ihn keiner verfasst hat. Wie du weißt, kann bei Wikipedia jeder mitschreiben. Verfass doch einfach du die “drei Sätze” ;)

  2. October 17th, 2007 at 23:53 | #2

    @Simon: Natürlich könnte ich es selbst eintragen. ;-) Ich wollte in meinem Eintrag nicht “meckern”, dass es keinen deutschen Eintrag zu “Rathergate” gibt, denn immer noch ist Wikipedia ein ehrenamtliches, gratis zu nutzendes Projekt, bei dem man eher für die enthaltenen Informationen dankbar sein sollte, anstelle sich wegen der fehlenden Informationen zu beschweren. Wobei die natürlich existierende Gefahr von vorkommenden Ungenauigkeiten jetzt wieder ein anderes Thema ist, das uns vom eigentlichen Punkt wegführen würde.

    Ich wundere mich nur, dass “Rathergate” in den letzten drei Jahren dort noch niemand eingetragen hat, weil es sich meiner Einschätzung zufolge eindeutig um ein, gerade für den Online-Bereich relevantes Ereignis handelt. Mal ehrlich: Hat es Dich nicht auch überrascht, dass davon in der deutschen Wikipedia nicht ein einziges Wort vorkommt?

  1. October 17th, 2007 at 20:09 | #1