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Das Abendblatt reklamiert für sich Exklusivität im Internet – Die private Homepage der toten Familie aus Bad Bramstedt

26. Februar 2009 3 Kommentare

Für alles gibt es ein erstes Mal. Leider gehört dazu nicht, dass im Rahmen einer Familientragödie mehrere Menschen (darunter in jeder Hinsicht unschuldige minderjährige Kinder) zu Tode kommen. Aber neu an jenem aktuellen Fall aus Bad Bramstedt scheint zu sein, dass es eine persönliche Internetseite gibt, auf der der ebenfalls verstorbene Vater über einen gewissen Zeitraum Tagebuch geschrieben hat, genauer gesagt “Internet-Tagebuch”.

Wer die Vornamen der Familie googelt, erhält als ersten Treffer jene Seite mit Fotos und persönlichen Informationen. Ob Journalisten auf genau diese Weise zufällig an den Link gelangt sind, oder einen Tipp von Nachbarn sowie Bekannten erhalten haben, soll uns egal sein. Auf jeden Fall hat das Abendblatt unter der Überschrift “Internet-Tagebuch des Familienmörders” die persönlichen Einträge auf der Seite in einer Weise behandelt, die sich bestenfalls als Ausschlachten bezeichnen lässt.

Man beachte die – angesichts der Funktionsweise des weltweiten Datennetzes absurde – Bemerkung: “Dem Abendblatt liegt exklusiv das Internet-Tagebuch (Blog) des Familienvaters vor – mit Einblicken in die Seele eines Verzweifelten.” Anscheinend geht die Redaktion davon aus, dass ihr Wissen um den betreffenen Link einen gewissen Wert darstellen würde, den sie sich erhalten könnte, in dem sie ihn nicht in ihrem Artikel nennt.

Übrigens hat auch das NDR-Medienmagazin Zapp sich in seiner neuen Ausgabe dieses Themas angenommen. Und auch hier wird die betreffende Seite nur gezeigt, nicht aber der Link genannt. Warum lässt man die interessierten mündigen deutschsprachigen Internetnutzer nicht selbst “Einblicke in die Seele eines Verzweifelten” (O-Ton Abendblatt) gewinnen?

Es geht dabei immerhin nicht um ein handschriftliches Manuskript, das bei einem Anwalt im Safe liegt, sondern um eine öffentlich zugängliche Internetseite. Hier (http://freenet-homepage.de/tuxracer33/) bzw. hier (http://www.tuxracer33.de.gg/) ist die Seite, hier direkt das Blog, hier der Youtube-Zugang. Und falls der eine oder andere Knallkopf das hier lesen sollte, weise ich noch mal extra drauf hin, dass ich mir wünsche, dass alle nun eventuell über diesen Link auf die Seite gelangenden Besucher auch die “Totenruhe” der Urheber zu respektieren vermögen. Darunter verstehe ich, dass nun niemand dort das Gästebuch vollspammt bzw. in dem Blog irgendwelche Mistkommentare hinterlässt.

Screenshot der privaten Homepage von Klick.

Otto-Normalleser auf der Suche nach dem Pfeffer in der Zeitung

12. Februar 2009 Keine Kommentare

Ein kurzer Nachtrag zu dem Posting über die Beiträge der gestrigen Zapp-Sendung. Während der Straßenbefragung in Geifswald zur sinkenden Qualität der örtlichen Lokalzeitung kritisiert ein älterer Herr, die Ostsee-Zeitung “müsse mal etwas mehr Pfeffer in ihre Mitteilungen bringen, den Leuten ein bisschen Dunst geben, dass die mal wach werden, aus ihrer Lethargie erwachen”. Zur Bestätigung seiner Aussage führt er eine energische Geste mit dem Arm aus, bei der für den Bruchteil einer Sekunde zu sehen ist, welche Zeitung er an jenem Tag gekauft hat. Und drei Mal darf die geschätzte Blogleserschaft raten, wo der Befragte den “Pfeffer” in den Mitteilungen findet, den er bei der Ostsee-Zeitung vermisst.


Screenshot: NDR/Zapp

Drei Spitzenbeiträge bei Zapp – Aribert Heim, von Guttenberg, Lokalzeitungskrise

12. Februar 2009 1 Kommentar

Die Beiträge der gestrigen Zapp-Sendung stehen online und es ist imho die beste seit langem. Drei Knallerthemen gibt es. Den Anfang macht eine Recherche zu dem Schicksal des KZ-Arztes Aribert Heim, der anders als bisher gedacht anscheinend der Strafverfolgung nach dem zweiten Weltkrieg entkommen und noch unerkannt mehrere Jahre in Ägypten Unterschlupf finden konnte. Eigentlich ja ein politisches Thema, aber der Zapp-Beitrag zeigt, das in diesem Fall Journalisten etwas aufklären konnten, bei dem deutschen Ermittlungsbehörden aufgrund gesetzlicher Schranken die Hände gebunden gewesen sind.

Bei der zweiten, ebenfalls ausgezeichneten Geschichte steht der neue Bundeswirtschaftsminister im Mittelpunkt. Es handelt sich aber nicht – wie ich zuerst vermutete – um eine Nacherzählung der Geschichte mit dem hinzugefügten “Wilhelm” bei Wikipedia (hier dazu Bildblog, Niggemeier-Blog), sondern um eine ernsthafte Eigenrecherche zur angeblichen Tätigkeit des von und zu Guttenberg (Wikipedia/HP) in einem deutschen mittelständischen Unternehmen. Hier wird erneut deutlich, wie verherrend sich der Verzicht auf eigene Nachrecherche in den deutschen Medien auswirkt, weil – bis auf Zapp – sonst alle in den letzten Tagen gedruckt haben, von Guttenberg sei bei einem Unternehmen für Baumaterialien tätig gewesen. Dieses hat aber mittlerweile auf ihrer Internetseite eine Stellungnahme veröffentlicht, in dem es eine Verbindung mit dem Bundeswirtschaftsminister dementiert.

Und nun kommen die kritischen Fragen: Ist es eine schlaue Wahl, jemanden in so einer Position zu haben, der anscheinend was es den außerpolitischen rein-wirtschaftlichen beruflichen Werdegang angeht, hauptsächlich damit beschäftigt gewesen ist, das Vermögen seiner eigenen Familie zu verwalten? Ist es möglich, trotz der finanziellen Kürzungen in Deutschlands Redaktionen trotzdem auch redaktionelle Meldungen wenigstens in Schlüsselstellen zu überprüfen, bevor die Informationen veröffentlicht werden? Wie wirkt es sich aus, wenn das allgemeine Geschehen von immer weniger unterschiedlichen unabhängigen Redaktionen beobachtet wird, die aus Zeitdruck zum Füllen ihrer Seiten immer öfter auf Fremdmaterial von Agenturen oder PR-Material zurückgreifen müssen.

In die Kerbe schlägt übrigens auch der dritte Beitrag über die Aus- bzw. Zusammenlegung von Mantelredaktionen hier an drei Beispielen: Nordkurier, Schweriner Volkszeitung und der Ostsee Zeitung. Ein wichtiges Thema, allerdings im Vergleich zu den beiden anderen Beiträgen einen Tick schwächer umgesetzt. Ich halte es generell für schwierig, wenn die Grundthese eines Beitrages mit spontanen Ausagen von Bürgern bei Straßeninterviews belegt werden soll, da sich hier sicherlich vollkommen unterschiedliche Aussagen finden lassen, von denen die Redaktion aber immer nur eine Auswahl präsentieren und damit die eigene Richtung untermauern. Im aktuellen Fall sind mir die Straßenstatements außerdem gefühlt ein bisschen zu Rentner-lastig. Allerdings ist es wohl auch schwer, zum Thema Zeitung genügend Aussagen aus allen Generationen zu finden, zumal wohl jüngere Passanten sich statistisch bereits nicht so intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Gut ist, dass der Bereich der neuen Medienideen im Netz Erwähnung findet. Und die im Beitrag genannte Gruppe um das studentische Medienprojekt Webmoritz.de ist sicherlich einen Bookmark wert.

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