Eventuell ist es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Redaktionen einzelne Beiträge kurz vor dem Druck noch mal von engagierten Twitterlesern kostenlos Korrektur lesen lassen.
Nun, ja. Es hat wirklich nicht lange gedauert. Um genau zu sein, nur wenige Stunden…
Eben habe ich den Twitter-Account von Spiegel-Online-Chefredakteur Wolfgang Büchner entdeckt und dort gab es folgenden Aufruf zu lesen:
Ich würde sagen, wir bekommen hier gerade eine für den deutschen Medienbereich revolutionäre Entwicklung mit. Oder erinnert sich jemand an andere Situationen, in denen Privatpersonen dem Chefredakteur eines der größten und wichtigsten Medien des Landes mal eben auf einen inhaltlichen Fehler in einem Artikel aufmerksam machen konnten? Wenn das Beispiel Schule machen wird – und ich gehe davon aus und befürworte zudem ausdrücklich, dass es so sein wird – dann wird auch die Konkurrenz nachziehen. Ich würde sagen, die Redakteure in Deutschland dürfen sich darauf einstellen, dass zukünftig mehrmals am Tag schnell mal Fehler in Online-Beiträgen korrigiert werden müssen. Optimistisch gesehen, könnte die Weisheit der Massen die Qualität der Massenmedien erhöhen.
Auf jeden Fall halte ich es schon mal für lobenswert, dass Wolfgang Büchner sich auf eine moderne Kommunikationsform wie Twitter einlässt, um der vielbesagten Isolation des Elfenbeinturms zu begegnen, der Chefredaktionen bislang im Regelfall unterlagen.
Bei Youtube ist ein Clip aufgetaucht, in dem N-TV-Moderator Raimund Brichta und Finanz-Experte Friedhelm Busch über eine Enteignung der Hypo Real Estate durch den Staat diskutieren. Da Wirtschaftsjournalismus nicht mein Spezialgebiet ist, spare ich mir hier inhaltliche Kommentare zum Thema. Auf jeden Fall ist es interessant, mal hinter die Kulissen bei N-TV zu sehen und einen Einblick zu erhalten, wie Moderatoren und Gesprächspartner miteinander umgehen.
Hier das Video:
Auf seinem eigenen Blog bei N-TV erklärt Raimund Brichta die Hintergründe dazu: So habe es sich nicht – wie an vielen Orten angegeben – um ein VORgespräch, sondern um ein NACHgespräch NACH einem Interview gehandelt. Auf Grund technischer Probleme hätte man das Interview aber erneut aufzeichnen müssen, was auch am Ende des besagtem Clips zu sehen sei. Im übrigen sei der Mitschnitt des Zwischengeplänkels zwar ohne Wissen der Protagonisten aufgenommen worden, allerdings dann mit ihrer Zustimmung drei Mal als Auflockerung im offiziellen Programm von N-TV gelaufen.
Finde ich sympathisch. Letztendlich arbeiten überall nur Menschen. Und es ist eine wertvolle Eigenschaft, über sich selbst lachen zu können.
Ich hatte in den letzten Tagen meinen Twitter-Account reaktiviert. Anscheinend erlebt dieser Dienst gerade einen gewissen Boom, nachdem es bereits ein paar größere Aufmerksamkeitswellen dafür gab. Aber weiter im Text: Da ich nun selbst wieder häufiger Twitter nutze, lese ich natürlich auch selbst andere Tweets, bevorzugt zum Thema Journalismus und musste feststellen, dass da eine ganze Reihe Redaktionen von deutschen Medien zurzeit munter beim Microblogging dabei sind und so richtig Spaß an der schnellen und unkonventionellen Kommunikationsform gefunden zu haben scheinen.
Ein aktuelles Beispiel gefällig? Es ist schon lustig, was in den letzten Stunden unter anderem bei den Twitterfeeds der Abendzeitung (Twitter/Page/Wiki) und Welt-Kompakt (Twitter/Page/Wiki) zu lesen war. Da entwickelte sich ein lustiger Dialog über die Frage der Neubesetzung des Bundeswirtschaftsminister-Postens:
Aus Twitterfeeds zitieren ist etwas mühseelig und auch noch ungeübt. Wer sich die Mühe macht, beide Accounts weiterzulesen, wird feststellen, dass es nicht das erste Mal war, dass sich diese oder andere Redaktionen persönlich ansprechen und dass es dabei bisweilen auch recht lustig zugehen kann. Wie schon angedeutet, scheinen noch eine ganze Reihe anderer Medien ebenfalls zu twittern und es dabei nicht nur beim blinden Hineinkopieren von Links auf eigene Online-Artikel zu belassen. Ich finde es einfach nur faszinierend, wie sich Redaktionen aus unterschiedlichen Verlagshäusern nun öffentlich über ihre Inhalte unterhalten und dabei sogar Wetten abschließen. Nicht minder spannend ist es, wie sich zukünftig diese direkte und vor allem aktuelle Interaktion mit Redaktionsfremden weiterentwickeln wird. Eventuell ist es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Redaktionen einzelne Beiträge kurz vor dem Druck noch mal von engagierten Twitterlesern kostenlos Korrektur lesen lassen.
Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass diese Form der Außenkommunikation bislang ohne eine offizielle Kontrolle durch die jeweiligen Presseabteilungen der Verlagshäuser stattzufinden scheint. Damit begeben sich die Twitterer in Gefahr, irgendwelche spontanen Dinge zu äußern, die ihnen später von der Geschäftsleitung als Kompetenzüberschreitung ausgelegt werden könnten. Ein Graubereich. Aber es sorgt für einen frischen und authentischen Stil, der beim Lesen richtig Spaß macht.