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Die Überschneidung von realem und digitalem Leben

February 21st, 2009 Joachim 1 comment

Ich bin krank. Keine Sorge, nichts schlimmes, nervt nur. Aber dies soll auch nicht die Hauptmessage dieses Beitrags sein, sondern nur der Anlass dazu. Ich glaube weder, dass es einen Großteil der Leser interessiert, noch dass ich mein Leben in solchen intimen Aspekten bis auf das kleinste Detail preisgeben möchte. So gibt es auch beim Bloggen/Twittern für mich ziemlich deutliche Grenzen, was für Fotos ich veröffentliche und was ich von mir und meinem Privatleben zeige.

Nun erzählte ich einem Freund – und fleißigen Mitleser – von meinem Gesundheitszustand und bekam eine fast ungläubige Reaktion – “Krank, echt? Das merkt man Deinem Blog aber nicht an.” Damit meinte er wohlgemerkt nicht direkt, dass ich nichts zu dem Thema geschrieben hatte, sondern dass in den letzten Tagen eine gleiche und regelmäßige Zahl von Beiträgen erschienen ist, wie auch in einer “gesunden Woche”. So werde ich mir langsam den Auswirkungen bewusst, wenn man Informationen im Netz veröffentlicht. Es entsteht sozusagen neben der realen eine zweite Identität, eine digitale. Und wenn Leser sich über die Funktionsweisen nicht im Klaren sind (vielleicht weil sie auch gar nicht über das blogrelevante technische und strukturelle Hintergrundwissen verfügen), kann es vorkommen, dass sie ohne Vorbehalt vom digitalen auf das reale Leben des Bloggers schließen

Wer sich das nicht vor Augen führt, mag vor allem bei sehr aktiven Bloggern denken, sie würden nur dass erleben, was sie auch bloggen, oder im Umkehrschluß etwas nicht erlebt haben, wenn davon nichts im Blog zu lesen ist. Dabei können neben Zeitmangel, rechtlicher Vorbehalte, technischer Probleme oder schlichter Unlust eine Vielzahl von Aspekten dafür sorgen, dass etwas nicht als Beitrag erscheint, obwohl es dem Blogger tatsächlich passiert ist. Andersherum gibt es ja ähnlich wie im literarischen Bereich – außer bei journalistischen Angeboten – beim Medium Blog keinerlei Verpflichtung zur Wahrheitstreue. Warum sollte jemand nicht schlicht und einfach Geschichten erfinden, Aspekte betonen, weglassen, Überschriften aufgeilen? Lässt sich also vom Geschehen auf dem Blog auf das tatsächliche reale Leben des Bloggers schließen? Nein.

Die von mir verwendete Software Wordpress bietet eine automatische Veröffentlichungsfunktion an. Theoretisch kann ich also tot sein, aber noch Wochen oder Monate täglich Beiträge auf meinem Blog erscheinen lassen, die ich vorbereitet habe. Lässt sich also vom Geschehen auf dem Blog auf mein tatsächliches Befinden schließen? Nein. Öfter schreibe ich Beiträge abends und stelle den Timer auf den nächsten Morgen um 7 Uhr. Denken manche jetzt, dass ich um 5 oder 6 Uhr aufstehe, um rechtzeitig den Text fertiggestellt zu haben?

Die oben angesprochene Überschneidung von realem und digitalem Leben sowie realier und digitaler Identität wird mich sicherlich nicht zum letzten Mal beschäftigt haben. Spätestens wenn irgendwann Freunde, Bekannte, Chefs und Kollegen regelmäßig das eigene Blog mitlesen muss man mit Missverständnissen oder falschen Vorstellungen rechnen. Letztendlich sehe ich da auch keinen Ausweg.

Warum die 20000 versprochenen Follower bei tweetergetter.com ein Hoax sind

February 15th, 2009 Joachim 2 comments

Eben bin ich auf das Projekt tweetergetter.com gestoßen, bei dem in Schneelballsystem-Manier mit Followern gehandelt wird. Wenn jemand sich bei tweetergetter.com anmeldet wird eine eigene Unterseite für ihn angelegt z.B. http://tweetergetter.com/MikeeesSongs, auf der an erster Stelle sein und anschließend noch vier weitere Twitteraccounts genannt, die es zu followen gilt. Doch wie wird die Seite bekannt gemacht? Wer sich mit seinen Twitterzugangsdaten bei dem Projekt einträgt, erhält nicht nur die automatisch erstellte Unterseite, gleichzeitig wird über den eigenen Account ein Tweet verschickt, der folgendermaßen lautet:

RT @garymccaffrey has a crazy idea. 19,530 new twitter followers in 30 days? Check it out http://tweetergetter.com/MikeeesSongs

Außerdem ist man mit noch bis zu vier weitere Level tiefer auf jenen individuellen Unterseiten vertreten, die durch eine Empfehlung von einem selbst zustande kamen. Im Idealfall soll man so fast 20.000 neue Follower innerhalb von einem Monat erhalten.

Screenshot: Ausschnitt von Tweetergetter.com

Ich habe es mal beispielsweise an dem Account http://twitter.com/MikeeesSongs überprüft, als dieser sich frisch angemeldet hatte. Er hat in der ersten Viertelstunde ganze 3 neue Follower erhalten, sich also von 5 auf 8 gesteigert. Es bleibt abzuwarten, was noch in den nächsten 30 Tagen hinzukommt. Meine Vermutung: Der einzige, der wirklich an der ganzen Aktion profitiert hat, ist der Initiator des Ganzen, Gary Mc Caffrey, der innerhalb von vier Tagen bereits etwa 9.400 Follower bekam.

Hier dazu die öffentlich einzusehende Statistik beim Dienst http://twittercounter.com/garymccaffrey.



Dass Ganze ist also ein Nepp, von dem ich euch nur abraten kann. Und selbst wenn es funktionieren würde: Was bringt es denn, wenn mich über das oben beworbene Schneeballsystem ein paar hundert zusätzliche Leute followen würden, die sich aber gar nicht für mich interessieren und wohl auch die deutsche Sprache nicht verstehen würden. Und was bringt es generell, wenn ich selbst ein paar hundert Leute followe und so mein Nachrichtenstream immer vollkommen überflutet mit Einträgen von fremden Leuten ist, während die Einträge, die mich wirklich interessieren, darin untergehen?

Nennt mich einen Idealisten oder auch einen Romantiker. Aber für mich funktioniert es mit den Leserzahlen bei Blogs und den Follower-Zahlen bei Twitter rein über den Inhalt. Wenn ich mir Mühe gebe, regelmäßig gute Beiträge zu verfassen, dann erhöht sich automatisch die Zahl derjenigen, die meine Inhalte für relevant halten. Und ich freue mich wie ein Schneekönig über jeden einzelnen neuen Abonennten. Gerade bei Twitter war das in den letzten Tagen ein Quell steter positiver Impulse, da sich meine Follower-Zahl auf die magische 50 erhöht hat. Ich möchte mich bei euch allen für euer Interesse bedanken.

Abendzeitung und Welt-Kompakt halten interredaktionellen Austausch via Twitter

February 9th, 2009 Joachim 4 comments

Ich hatte in den letzten Tagen meinen Twitter-Account reaktiviert. Anscheinend erlebt dieser Dienst gerade einen gewissen Boom, nachdem es bereits ein paar größere Aufmerksamkeitswellen dafür gab. Aber weiter im Text: Da ich nun selbst wieder häufiger Twitter nutze, lese ich natürlich auch selbst andere Tweets, bevorzugt zum Thema Journalismus und musste feststellen, dass da eine ganze Reihe Redaktionen von deutschen Medien zurzeit munter beim Microblogging dabei sind und so richtig Spaß an der schnellen und unkonventionellen Kommunikationsform gefunden zu haben scheinen.

Ein aktuelles Beispiel gefällig? Es ist schon lustig, was in den letzten Stunden unter anderem bei den Twitterfeeds der Abendzeitung (Twitter/Page/Wiki) und Welt-Kompakt (Twitter/Page/Wiki) zu lesen war. Da entwickelte sich ein lustiger Dialog über die Frage der Neubesetzung des Bundeswirtschaftsminister-Postens:

Welt-Kompakt:
Karl-Theodor zu Guttenberg wird laut „Abendzeitung“ neuer Bundeswirtschaftsminister. mal schauen

Abendzeitung:
AZ-Recherchekönigin Angela Böhm hat´s raus: CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg wird neuer Bundeswirtschaftsminister. Später mehr

Welt-Kompakt:
@Abendzeitung aber wenn’s nicht stimmt, habt ihr ein problem, oder?

Abendzeitung:
@weltkompakt Natürlich stimmt´s. Oder vertraut Ihr nicht dem Wächterpreisurteil über “Miss Marple der bayerischen Politik” http://is.gd/iQ7v…

Abendzeitung:
@weltkompakt Wenn´s stimmt, werdet Ihr unser Follower, abgemacht? Hier steht, wie zu Guttenberg #Glos beerbt http://is.gd/iQ4O

Welt-Kompakt:
@Abendzeitung deal

Welt-Kompakt:
@Abendzeitung glauben ist gut, aber warum kommt der freiherr erst im letzten absatz? #handwerk

Abendzeitung:
@weltkompakt Freiherr kommt im letzten Absatz, weil Böhm hier beides macht, online & Print – Stilkritik später. Texte kommen alle frisch

Abendzeitung:
Hm, wir trauen´s uns kaum noch zu twittern: Schlagzeile vom Gutti wankt gerade mächtig, wir stoppen mal die Maschinen.

Welt-Kompakt:
das mit dem followen wird wohl nichts, liebe abendzeitung

Abendzeitung:

@weltkompakt Das muss man sportlich sehen, Kollegen. Wann lagt Ihr zuletzt daneben? Und außerdem: Die Dinge sind im Fluss

Welt-Kompakt:
dpa sagt jetzt, dass Bayerns Finanzminister Fahrenschon Wirtschaftsminister wird. abendzeitung hält dagegen. was denn nun?
Abendzeitung:
@weltkompakt dpa ist sich wohl nicht mehr sicher. Plötzlich werfen sie Gutti wieder rein. AP auch. Chaos! Wisst Ihr´s denn nicht (besser)?…

Welt-Kompakt:
immer diese nachrichten. stören doch nur beim zeitungmachen

Abendzeitung:

@weltkompakt Richtig. Wer nicht recherchiert, macht auch nix falsch. Wir glauben weiter an Gutti – und wissen, wissen tut´s nichtmal die CSU

Abendzeitung:
Closing Time, Hopfenpost (11): Heute wird kein Minister mehr gekürt. Frau Böhm schläft schon. Letzter Blick #Glos http://twitpic.com/1ebn6…

Aus Twitterfeeds zitieren ist etwas mühseelig und auch noch ungeübt. Wer sich die Mühe macht, beide Accounts weiterzulesen, wird feststellen, dass es nicht das erste Mal war, dass sich diese oder andere Redaktionen persönlich ansprechen und dass es dabei bisweilen auch recht lustig zugehen kann. Wie schon angedeutet, scheinen noch eine ganze Reihe anderer Medien ebenfalls zu twittern und es dabei nicht nur beim blinden Hineinkopieren von Links auf eigene Online-Artikel zu belassen. Ich finde es einfach nur faszinierend, wie sich Redaktionen aus unterschiedlichen Verlagshäusern nun öffentlich über ihre Inhalte unterhalten und dabei sogar Wetten abschließen. Nicht minder spannend ist es, wie sich zukünftig diese direkte und vor allem aktuelle Interaktion mit Redaktionsfremden weiterentwickeln wird. Eventuell ist es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Redaktionen einzelne Beiträge kurz vor dem Druck noch mal von engagierten Twitterlesern kostenlos Korrektur lesen lassen.

Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass diese Form der Außenkommunikation bislang ohne eine offizielle Kontrolle durch die jeweiligen Presseabteilungen der Verlagshäuser stattzufinden scheint. Damit begeben sich die Twitterer in Gefahr, irgendwelche spontanen Dinge zu äußern, die ihnen später von der Geschäftsleitung als Kompetenzüberschreitung ausgelegt werden könnten. Ein Graubereich. Aber es sorgt für einen frischen und authentischen Stil, der beim Lesen richtig Spaß macht.

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