Eine sehr schöne Verbindung zwischen Kunst und Internet ist hier zu entdecken. Eine ganze Gruppe um Fotograf Agostino Temporelli hat das Fresko “Christus-Passion” (La parete gaudenziana) in der Kirche Santa maria delle Grazie im italienischen Varallo n Varallo digitalisiert und im Netz zugänglich gemacht. Schöpfer des im Original zehn Meter breiten Kunstwerks von 1513 ist Gaudenzio Ferrari.
Nach weiteren Informationen hat es beim Shooting am 30. Januar vergangenen Jahres 13 Stunden gedauert, um insgesamt 1145 Bilder mit einer Auflösung von jeweils 12,2 Megapixel anzufertigen. Diese sind später in einer dreimonatigen Puzzle-Arbeit zu einem Gesamtbild von 50 Gigabyte Größe zusammengesetzt worden und ergeben eine Auflösung von 8,6 Gigapixel (96.679 x 89.000 Pixel).
Dank Flash-Software lässt sich (entsprechender Rechner und DSL-Verbindung vorausgesetzt) jeder Pinselstrich des Werkes betrachten. Zusätzlich sind die einzeln Szene und Personen sowie die dazugehörigen Stellen des Bildes über eine Liste recherchierbar. Mit dieser Hilfe eröffnet sich auch Kunstlaien ohne tiefere Hintergrundkenntnisse schnell die Faszination für das Werk. Für die passende Atmosphäre sorgt im Hintergrund das Lacrimosa aus dem Requiem von Mozart.
Bin ich ein Idealist, wenn ich es für erstrebenswert halte, sämtliche wichtigen Kunstwerke auf diese Weise zu digitalisieren und weltweit zugänglich zu machen?
[Dieser Beitrag erschien erstmals am 25. Dezember 2006 auf der Vorgängerversion dieses Blogs]

Gesehen in Sarajevo, Bosnien
Sicherlich handelt es sich bei den gestrigen Geschehnissen in Heilbronn, bei denen eine 22-jährige Polizistin getötet und ihr 24-jähriger Kollege schwer verletzt worden ist, um eine schockierende Gewalttat, die wieder einmal deutlich gemacht hat, wie gefährlich der Polizeiberuf ist. Wie alle deutschen Medien hat auch der Stern die Geschichte aufgegriffen und zeigt auf seiner Onlinefassung in einer Fotogalerie an 14. und letzter Stelle ein Bild der dpa, bei laut Bildunterschrift Polizeibeamte eine Decke hochhalten, um den Ort des Geschehens vor neugierigen Blicken abzuschirmen. Tja, vielleicht Blicke wie die des Fotografen von Getty Images? Eines seiner Fotos taucht als Nummer 11 in der gleichen Galerie bei Stern.de auf überschreitet jedenfalls für meinen persönlichen Geschmack die Grenzen besonnener, journalistischer Berichterstattung. Was für einen Grund gibt es, dieses Bild zu veröffentlichen? Welche Informationen lassen sich aus ihm gewinnen, die nicht bereits durch die 13 anderen Abbildungen der Galerie übermittelt worden sind? Wo hört Information auf und wo beginnt Voyeurismus?

Die Bild verwendet das Foto in ihrer Online-Ausgabe ebenfalls, allerdings in viel kleinerer Auflösung. Der Focus entschied sich für eine etwas abweichende Perspektive. Auch bei welt.de gibt es das gleiche Motiv (diesmal von AP) aus einer anderen Perspektive zu sehen. Die Netzzeitung dagegen ließ der Toten ihre Würde und wählte einen Bildausschnitt, der das Geschehen, aber nicht direkt den Leichnam zeigte. Das Abendblatt verzichtete sogar vollkommen auf Bilder vom Tatort und zeigte eine Abbildung der gestohlenen Handschellen und Dienstwaffen.
Abschließend möchte ich betonen, dass diese kleine Aufstellung natürlich nur oberflächlichen Charakter hat und sich aus ihr nicht darauf schließen lassen kann, welche Bildwahl die jeweiligen Magazine und Zeitungen für ihre Printausgaben getroffen haben oder noch treffen werden. Ich bin ja nun in den letzten Jahren viel in Südosteuropa unterwegs gewesen, wo es oftmals Usus ist, beispielsweise bei Verkehrsunfällen die volle Identität der Beteiligten zu veröffentlichen und auch bei den Fotos nicht die geringste Rücksicht auf die Würde der Opfer zu nehmen. So habe ich dann nicht selten bei Abbildungen blutverschmierter Opfer von Unglücken und Gewalttaten auf Titelseiten wehmütig daran gedacht, welch ein vergleichsweise hohes Niveau die deutschen Medien in diesem Punkt trotz allem noch besitzen. Nur manchmal wie heute im Fall der 22-jährigen getöteten Polizistin, da wird der Abstand zu den südosteuropäischen Medien deutlich geringer.