Mit Elektroschocks gegen Studenten
In mehrerlei Hinsicht interessant ist jener Zwischenfall, der sich vor zwei Tagen während einer Veranstaltung mit dem US-Senatoren und ehemaligen US-Präsidentschaftskandidaten John Kerry an University of Florida zugetragen hat. Wie die BBC (und etwas später mit Bezug auf CNN als Quelle auch Spiegel Online) berichtete, wurde ein 21-jähriger Student namens Andrew Meyer von Polizisten überwältigt und verhaftet. Die Tatsache, dass die Polizisten dabei gegen den bereits wehrlos am Boden liegenden eine Elektroschock-Waffe (Englisch “Stun gun” oder “Taser”) einsetzen, sorgt derzeit für eine größere Kontroverse in den amerikanischen Medien.
Schlüsselelement für die Diskussion sind zahlreiche, von unterschiedlichen Personen aus unterschiedlichen Positionen mit Videokameras, Handykameras und digitalen Fotoapparaten angefertigte Aufnahmen. Während ich diese Zeilen schreibe befinden sich alleine unter den zwölf meistbetrachteten Videos bei YouTube sieben (teilweise identische) Clips der Ereignisse an der University of Floria.

Screenshot der Top-Videos bei YouTube (angefertigt am 19.09. gegen 20 Uhr). Die Videos mit Bezug auf den Taser-Zwischenfall sind rötlich markiert.
Bereits im November letzten Jahres sorgte der Einsatz von Elektroschocks gegen einen Studenten auf dem Campus der University of California für Wirbel (Hier der englische Wikipedia-Eintrag). Seinerzeit soll sich ein iranischstämmiger Philosophie-Student mit amerikanischem Pass in der Universitätsbibliothek geweigert haben, sich im Rahmen einer Routinekontrolle gegenüber dem Sicherheitspersonal auszuweisen. Die daraufhin gerufenen Polizisten setzen eine sogenannte “Stun Gun” gegen den unbewaffneten, 23-jährigen Studenten ein. Ein mit einer Digitalkamera oder Handykamera aufgenommenes Video des Vorfalls ist bei YouTube bis zum heutigen Tage bereits über 700.000 Mal angesehen worden. Darin zeigt sich auch, dass mehrere Studenten engagiert an Ort und Stelle gegen die in ihren Augen ungerechtfertigte Polizeigewalt protestieren.
Video vom Elektroschock-Einsatz gegen einen Studenten auf dem Campus der University of California.
Der aktuelle Vorfall dagegen birgt Potential für eine längere und auch intensivere Debatte. Dabei lässt sich ebenso beobachten, wie die immer stärkere Verbreitung von Technik auch immer stärkeren Einfluss auf die politischen Prozesse in den modernen Gesellschaften nehmen wird. So erhielt der “University of Florida Taser incident” bereits nach wenigen Stunden einen eigenen Eintrag bei der englischen Wikipedia, wobei dort nun intensiv diskutiert wird, ob die Relevanz des Geschehens die Erwähnung in der Online-Enzyklopädie rechtfertigt. Zudem rufen in einer schon fast zynischen Anspielung auf den amerikanischen Wahlspruch “In God we Trust” die Anhänger von Andrew unter InAndreWeTrust.com zur Unterzeichnung einer Petition auf. Auf Facebook bilden sich zudem Gruppen mit Namen wie “I am a Student. DO NOT TAZE ME!” oder “BUSH is an asshole, but JOHN KERRY had me TASERED”.
Während in den Kommentaren bei themenbezogenen Blogeinträgen und Zeitungsartikeln sowie bei YouTube und Facebook Befürworter und Kritiker von Andrew Meyer diskutieren, bieten die zahlreichen Videos aus verschiedenen Perspektiven jedem Interessierten die Möglichkeit, sich selbst eine Meinung zu bilden. Wer will, kann sogar den Original-Polizeibericht lesen, der inklusive zahlreicher persönlicher Angaben und Informationen offen zum Download im Internet steht. Meyer hat innerhalb von zwei Tagen mit Hilfe von YouTube einige Bekanntheit in den Staaten erlangt und konnte nebenbei dank intensiver Verlinkung durch die Medien eine wahre Explosion der Besucherzahlen auf seiner Internetseite verzeichnen. Lesenswerte Beiträge zum Thema gibt es unter anderem bei der Seattle Times und der Washington Post. Zu den interessantesten Quellen gehören außerdem ein Eintrag auf dem politischen Weblog Daily Kos sowie die Berichterstattung auf einem zu USA Today gehörenden Blog. Beim Blog Huffingtonpost gibt es dazu gleich mehrere empfehlenswerte Texte, unter anderem von Naomi Wolf und Jon Robin Baitz.
Ich habe generell großen Respekt vor der Arbeit, die Polizisten und Ordnungskräfte tagtäglich leisten – sowohl in den Staaten als auch in Deutschland und andernorts. Sie sind diejenigen, die meist gegen eine niedrige Entlohnung als erste sprichwörtlich den Kopf hinhalten und ihre Gesundheit riskieren, wenn andere Institutionen wie zum Beispiel das Schul- und Sozialsystem versagen, egal ob es um die Absicherung von Hooligans bei Sportveranstaltungen geht, die Begleitung von politischen Demonstrationen oder den alltägliche Umgang mit kleineren Vergehen und kapitaleren Verbrechen. Die Arbeit der Polizei ist ein Schlüsselelement für die Sicherheit und Stabilität eines jeden demokratischen Rechtsstaates.
Auch die Polizisten an der Universität von Florida haben die Aufgabe gehabt, den reibungslosen Ablauf der Veranstaltung zu gewährleisten, sind dabei jedoch in meinen Augen deutlich über das Ziel hinausgeschossen. Wenn sie mit 19 Mann bzw. Frau nicht in der Lage sind, einen einzelnen Studenten ohne Einsatz eines Elektroschockers aus dem Raum zu befördern, ist dies ein Armutszeugnis. Auch Andrew Meyer ist nach dem was unter anderem auf seiner Internetseite zu lesen ist, kein Kind von Traurigkeit und hätte mit weniger Zynismus und Emotionalität bei seinen Fragen an den Senator vielleicht die Abstellung des Mikrofons und mit etwas kooperativerem Verhalten gegenüber der Polizei gar seine Verhaftung vermeiden können. Wie sich auch in den bereits oben erwähnten Diskussionen in Foren und Kommentar-Bereichen zeigt, teilt sich das Feedback in erschütterte Kritiker der Polizeigewalt und eine an Beiträgen gemessen deutlich kleinere Gruppe, nach deren Meinung sich der verhaftete Student die ruppige Behandlung mit seinem ungebührenden Verhalten selbst eingebrockt hat.
Der aktuelle Vorfall an der University of Florida.
Mich persönlich überrascht, dass die Verantwortung in all den Meinungsäußerungen so selten bei John Kerry gesucht wird. Dieser sagte später nach Verlassen des Gebäudes, dass er von dem Elektroschock-Einsatz überhaupt nichts mitbekommen hatte. Allerdings müsste er von der Bühne aus zumindest deutlich gesehen haben, dass der Fragesteller in jenem Moment verhaftet und abgeführt wurde, als er mit der Beantwortung der kritischen Fragen begann. Ich verstehe nicht, dass der ehemalige Kandidat für das US-Präsidentenamt es nicht für nötig hielt, sicherzustellen, dass der Fragende seinen Antworten auch wirklich zuhören kann. Als Führungspersönlichkeit mit eigenem Mikrofon und der Kontrolle über den ganzen Saal hätte Kerry meiner Meinung nach reagieren und beschwichtigend eingreifen müssen. Ein oder zwei kurze Sätze hätten hätten vielleicht schon ausgereicht, damit sich die Situation entspannt. Statt dessen muss er nun tatenlos zusehen, wie am Rande der Berichterstattung über den Vorfall auch die kritischen Fragen des Studenten in sämtlichen Medien des Landes Erwähnung finden.




nicht böse sein aber:
Das war bei Gott kein Einzelfall! In den USA passiert sowas eher häufig. Einfach mal auf Youtube oder so Polizei-Brutalität eingeben. Das sind dann nur die Fälle, von denen es ein video gibt…
Diese Elektro-Waffen breiten sich auch in Europa aus und wie man in Genua sehen konnte treibt es die Polizei auch in der EU zu oft zu weit!
Es gibt eine Erklärung auf der Seite von John Kerry, die ich persönlich allerdings als Schutzbehauptung empfinde:
http://www.johnkerry.com/2007/9/19/update-and-info-on-the-uf-incident
Verblüffend die Zuschauer, die tatenlos zusehen. Das war doch ein lächerlich harmloser Zwischenfall.
Und es wird weiter gehen. Irgendwann kommt es auch zu uns. Aber ob verantwortungsvoller damit umgegangen wird, wage ich zu bezweifeln. Ob es hier dann eine rechtliche Handhabe für die Opfer solch übertriebener Polizeigewalt gibt???