Jahrestreffen 2007 des Netzwerk Recherche

Gesprächsrunde “Wie gefährdet ist die Pressefreiheit in Russland”
Die letzten beiden Tage habe ich auf dem Jahrestreffen 2007 des Netzwerk Recherche (HP|Wiki|nr-Eigendarstellung) auf dem Hamburger NDR-Gelände verbracht. Der Freitag stand dabei ganz im Zeichen der Pressefreiheit in Osteuropa. Hier kooperierte das Netzwerk Recherche mit dem Korrespondentennetzwerk n-ost, unter dessen Federführung auch eine begleitende Studie zur Pressefreiheit in Osteuropa entstanden ist.
Unter den zahlreichen Rednern und Gästen waren Oleg Panfilov vom russischen Center for Journalism in Extreme Situations, die russische Journalistin Olga Kitowa (Artikel|WDR-Reportage)und Focus-Korrespondent Boris Reitschuster (Wiki|Blog). Die Liste der prominenten und nicht promintenten (aber dafür nicht weniger kompetenten) Redner, Referenten und Podiumsgäste ist allerdings so umfangreich, dass ich zur näheren Information auf das Programm verweisen möchte, das hier als PDF-Datei zum Download bereit steht.
Im Rahmen der Eröffnungsdiskussion erhielten die Anwesenden erschreckende Informationen über die heutige russische Medienrealität. So stünden einem Großteil der Bevölkerung nur wenige kostenlose, öffentliche Fernsehprogramme zur Information zur Verfügung, die komplett unter Kontrolle der Regierung stünden. Zeitung werde vor allem in ländlichen Gebieten kaum gelesen, weil sie – wie Oleg Panfilov erläuterte – meist genauso viel koste wie ein Brot und sich die Leute dann meist für das Brot entscheiden würden. Doch selbst wenn sie gelesen werden würde, fände sich meist keine wirkliche Kreml-kritische Berichterstattung darin. Denn die Verlage gehören meist sogenannten Oligarchen, die es sich nicht mit der Regierung verscherzen wollten, um in ihren anderen Geschäftsbereichen keine Nachteile zu erleiden.
Boris Reitschuster und Stephan Stuchlik berichteten von ihren Alltags-Erfahrungen als Korrespondenten in Russland und bemerkten einstimmig, dass seit Putin das Klima für ausländische Journalisten deutlich härter geworden sei. So erhielt dann wohl am folgenden Tag der russische Präsident nicht ohne Grund für seine Aktivitäten die diesjährige verschlossene Auster des Netzwerk Recherche (PM|Wiki).
Den Rest des Tages über gab es Foren zu den Themen “Chancen und Grenzen des investigativen Journalismus in Mittel- und Osteuropa”, “Journalisten als Kämpfer für die Demokratie?”, “Schwierige Nachbarschaft – deutsch-polnische Fallstricke”, “Wildwest-Journalismus – Journalistische Standards und Selbstverständnis in Osteuropa”, “Segen und Fluch deutscher Medieninvestitionen” sowie “Osteuropa – (k)ein Thema in deutschen Redaktionen”.
In einem Erzählcafe berichteten Kollegen aus Kroatien, Serbien, Bulgarien, Tschechien, Belarus, Rumänien und Polen über den Arbeitsalltag in ihren Ländern. Darüber hinaus gab es in einer parallelen Workshop-Schiene Gelegenheit, Vorträge über Computer Assisted Reporting zu hören.
Abends wurde in einem Raum “Gefesselte Worte” gezeigt, die neueste Dokumentation von Sylvie Banuls über das “Haus der Journalisten” in Paris (Artikel|HP). Der Film wird demnächst bei Arte zu sehen sein. Übrigens habe ich eben bei der Recherche von dem Link bemerkt, dass es bald auch in Berlin ein Haus der Journalisten geben soll.
Am Ende eines langen Kongresstages erinnerten dann in einer Lesung Autoren, Schriftsteller und Journalisten an die am 7. Oktober 2006 ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja.

Jan Michael Ihl mit “Google-Tätowierung “am Arm
Das Programm des zweiten Tages zeigte sich dann noch diversifizierter. Zehn Foren zu Lobbyismus und Medien, Journalismus 2.0, Recherche-Pools, der Selbstdefinition von Journalisten, Journalistischen Reflektionen, Wirtschaftsjournalismus, der Zukunft der ARD-Magazine und der Rolle der Medien im Integrationsprozess, Umwelt- und Wissenschaftsjournalismus und dem Informationsfreiheitsgesetz lockten die Teilnehmer. Dazu gab es morgens Diskussionsrunden und Gespräche sowie den Tag über 28 Erzählcafes, Workshops und Vorträge in kleinerem Rahmen.
Ich persönlich wählte mir für diesen Tag einen CAR-Schwerpunkt. So besuchte ich die Recherche-Workshops von Jan Michael Ihl mit “Was Google (noch) alles kann”, Albrecht Ude mit “Datenspuren – anonym surfen”, Marcus Lindemann zu “Hidden Web – was Google alles nicht findet” und Sebastian Möricke-Kreutz mit “Google für Fortgeschrittene”. Sämtliche Vorträge sollen laut Ankündigung in Kürze auch auf dem Blog recherche-info.de erscheinen, bei dem alle genannten Referenten mitschreiben.

Hans-Martin Tillack (rechts)
Inmitten der CAR-Workshops schaffe ich es auch noch in das Erzählcafe. Ich wollte gerne mal Hans-Martin Tillack live sehen. Er hatte zuletzt von sich Reden gemacht, als er das Missfallen von Bundestagspräsident Lammert erregte, indem er offen in seinem Blog bei Stern darüber schrieb, wie fahrlässig mit den Regelungen zur Offenlegung der Nebenverdienste von Parlamentsmitgliedern umgegangen wird. Im Erzählcafe auf der Jahrestagung beschrieb er nun ausführlich seine Erfahrungen mit dem neuen Informationsfreiheitsgesetz (netzwerkrecherche.de|Wiki).

Günter Wallraff (rechts)
Anschließend konnte ich praktischer Weise gleich im Raum bleiben und war so einer der Glücklichen, der trotz des großen Andranges von einem Sitzplatz aus das Gespräch mit Günter Wallraff verfolgen konnte. Hauptsächlich ging es eine Stunde lang um seine aktuelle Recherche in der Call-Center-Szene für “Die Zeit”. Wallraff sagte, er habe sich sehr über die Flut an Reaktionen gewundert, die sein Bericht ausgelöst hat. Täglich erhalte er nun Hinweise und Informationen von anderen Call-Center-Opfern, so dass sowohl ein weiterer Artikel als auch eine Fernsehdokumentation in Arbeit seien. Er betonte, dass zu seinem Entsetzen im sogenannten Outbound-Bereich des Telefonverkaufes (wenn also Menschen unaufgefordert angerufen werden) bis zu 90 Prozent Betrug sei. Die Anwesenden sollten sich bewusst sein, dass ihre Adressen mittlerweile eine Ware darstellen würden, für die von 50 Cent bis 17 Euro gezahlt werden würde. Dabei habe er persönlich bei seiner verdeckten Tätigkeit im Call-Center Angaben gesehen, denen zufolge ein Teil der Adressen von der Telekom selbst an Adress-Firmen verkauft worden sei.
Dem Gesetzgeber sei vorzuwerfen, dass er diese Branche toleriere, wobei angesichts der geschaffenen Arbeitsplätze oftmals sogar noch Fördermittel fließen würden. Den anwesenden Journalisten sagte Wallraff, dass sie dank ihrer privilegierten Situation die Gesellschaft aus einer anderen Sicht erleben würden. Auch er lebe in einer Scheinwelt, doch wenn er “abtauche”, offenbaren sich ihm die zahlreichen Missstände. In einem Falle wie dem aktuellen habe er dann auch als Journalist keine Skrupel, sich “gemein” zu machen, persönlich Rechtshilfe für die Opfer zu organisieren und aktiv eine Änderung von gesetzlichen Bedingungen anzustreben.
Am Ende empfahl Wallraff noch ausdrücklich das Buch “Abgezockt und totgepflegt” von Marcus Breitscheidel, den er einst dazu motiviert habe, als investigativer Journalist zu arbeiten.

Zum Ausklang des Beitrags noch eine Impression von der kulinarischen Versorgung der Teilnehmer
Nachtrag:
Weitere Informationen gibt es hier: Netzzeitung, Florian Treiß, Alexander Günther, Kress-Blog
Zudem gibt es noch auf Readers Edition ein Interview mit Thomas Leif, dem Vorsitzenden des Netzwerk Recherche und mit Simone Schlindwein, der Verfasserin der n-ost-Studie zur Pressefreiheit in Osteuropa.



