Festnahme wegen Stromdiebstahl – Klassische Medien als Garant für Nachhaltigkeit bei Information im Netz
Durch Zufall bin ich auf jene kuriose Geschichte gestoßen, die sich vor ziemlich genau 5 Jahren am ICE-Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe ereignet hatte und genauso gut mir und wohl auch einem Großteil der Leser dieses Blogs geschehen könnte:
Ein Student fuhr im November 2003 für eine Tagung nach Kassel. Er kam eine halbe Stunde vor Mitternacht an und brauchte die Adressdaten seiner Unterkunft aus seinem Laptop, hatte aber nach mehr als fünf Stunden Fahrt in einem Steckdosenlosen ICE der ersten Generation keine Energie mehr im Akku und schloss kurzerhand den Rechner an einer öffentlich zugänglichen Steckdose im Bahnhof an. Kennt so eine Situation nicht jeder von uns? Vor allem wenn ich mehrere Tage hintereinander reise, kann es gut sein, dass der Akku für Handy, Laptop oder Digitalkamera mal nicht bis zum Anschlag aufgeladen ist. Manchmal reicht auch ein anstrengender Arbeitstag, bei dem die Geräte intensiv genutzt werden, um abends in die Energie-Bredouille zu geraten. Was den Fall des Studenten damals Kassel-Wilhelmshöhe so bemerkenswert machte, war dass ihn fast unmittelbar an die Aufladeaktion Beamte des Bundesgrenzschutz (heutige Bundespolizei) aufgriffen und vorläufig festnahmen. Als der Verdacht ausgeräumt war, dass Rucksack, Laptop oder Netzteil gestohlen sein könnten, wurde nur noch wegen einem einzigen Delikt gegen ihn ermittelt: Stromdiebstahl. Umgerechnet habe er (je nach Rechenansatz) wohl Strom im Wert von einem Zehntel-Cent bis 5 Cent entwendet.
Bei diesen Informationen beziehe ich mich auf einen Artikel des Freien Journalisten Wolfgang Lenders aus Leipzig, der sowohl im Reintext als auch als PDF-Datei auf seiner persönlichen sowie der Seite des Trierschen Volksfreundes zur Verfügung steht, sowie auf Artikel in taz und Uni-Spiegel. Dort lässt sich auch nachlesen, dass der Student im Anschluss nichts mehr zu befürchten gehabt habe, da dass Verfahren wahrscheinlich durch die Staatsanwaltschaft wegen Geringfügigkeit eingestellt würde. Die Tatsache, dass auch die genannten Medien das Thema nicht weiter aufgegriffen haben, lässt darauf schließen, dass die Geschichte damals tatsächlich damit ihren Abschluss fand.
Der Vorfall selbst ist kurios und aus meiner Sicht ein Beispiel für übertriebene Maßstäbe der beteiligten BGS-Beamten. Was ich aber ebenso bemerkenswert finde wie den beschriebenen Vorgang, ist dass die Geschichte mittlerweile so gut wie aus dem Netz verschwunden ist. Bei einem Geschehnis vor 1999/2000 würde mich das nicht wundern, da dies ungefähr der Zeitpunkt ist, zu dem ein Medium nach dem anderen begann, seine Inhalte auch online zu publizieren. Aber 2004 ist ja nun beileibe keine “Internetsteinzeit” mehr. Jedoch habe ich dazu bis auf die oben verlinkten drei Zeitungsartikel und bis auf diesen und diesen Blogbeitrag nichts entdecken können. Mehrere Links – darunter sowohl auf den Eintrag im damaligen Blog des Betroffenen als auch einen Beitrag bei Greenpeace - bringen bloß noch Fehlerseiten zu Tage.
Nach fünf Jahren würde es mich auch nicht wundern, wenn ein Großteil der Leser dieses Blogs durch diesen Eintrag zum ersten Mal von der Geschichte erfährt, entweder weil er sie damals nicht bewusst mitbekommen hatte oder noch zu jung war. Für mich zeigt sich die Relevanz der klassischen Medien als Chronist und gleichzeitig wird an diesem Beispiel bewusst, wie vergänglich das Netz ist. Immer häufiger fällt es mir auf, wenn ich bei Recherchen auf Fehlermeldungen von Seiten, Forendiskussionen oder Blogs gelange, die nicht mehr existieren.
Einer der Vorteile der neuen privaten Publikationsformen ist also zweifellos ihre Schnelligkeit, ein deutlicher Nachteil scheint die mangelnde Nachhaltigkeit von Informationen zu sein. Wer also – wie ich – dafür argumentiert, dass die klassischen Medien von Ihren Online-Artikeln auch auf externe Quellen wie z.B. Blogs verlinken sollen, muss sich darüber klar sein, dass mit fortschreitendem Alter der Geschichte automatisch immer mehr tote Links in den Seiten zu finden sein werden, weil private Netzangebote keine Verpflichtung zur Kontinuität haben und aus viellerlei Gründen aufhören können, zu existieren. Das ist aber alles halb so wild, denn es sollte für die Verlage eine Kleinigkeit sein, ein Programm schreiben zu lassen, das die eigenen Inhalte regelmäßig überprüft und gegebenenfalls Links entfernt oder aktualisiert.
Mich hat die Geschichte in Kassel-Wilhelmshöhe übrigens an eine Entdeckung während eines Aufenthalts in Kroatien erinnert. T-Mobile hatte damals am Flughafen in Zagreb ein Ladeterminal mit Anschlüssen für mehrere Handymodelle aufgehängt. Das halte ich mal für eine wirklich sinnvolle und positive Werbeidee, die ich im Juni 2007 bildlich festgehalten hatte:




