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Die Linken entdecken Marketing mit Bildern

18. August 2007 Einen Kommentar schreiben Kommentare

Auch die Aktiven der politischen Linken von heute können nicht verstecken, dass sie Kinder unserer schnelllebigen, von Widersprüchen und Ungenauigkeiten gezeichneten Mediengesellschaft sind. Vorbei sind die Zeiten von schwarz-weißen Flugblättern und Postern mit langen Texten zur Verkündigung höherer Werte und Ideale. Im Jahr 2007 wird stattdessen oft mit Bildern gearbeitet – mit eingängigen Slogans und Claims, die in ihrer Kreativität aber auch inhaltlichen Unbefangenheit so mancher kommerziellen Werbung zur Ehre gereichen würden.

Nehmen wir als Beispiel ein aktuelles Plakat, das zurzeit an mehreren Orten im Hamburger Schanzenviertel zu sehen ist und zu einer “Antifaschistischen Demonstration” sowie einem “Antifaschistischen Aktionstag gegen den Rudolf-Hess-Marsch” aufruft. Inhaltlich dominiert eine Fotomontage, in der der ehemalige französische Nationalspieler Zinedine Zidane dem NPD-Landesvorsitzenden und langjährigen Organisator des Rudolf-Hess-Gedenkmarsches, Jürgen Rieger, einen Kopfstoß auf die Brust versetzt. Über allem steht der Claim: “Nazis stoppen. Mit Köpfchen”.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Verbindung von drei an sich vollkommen unabhängigen Inhalten. Erstes Element ist der legendäre Kopfstoß von Zinedine Zidane in der Nachspielzeit des Fussball-WM-Finales Frankreich gegen Italien am 9. Juli 2006 in Berlin. Sein damaliges “Opfer”, der italienische Verteidiger Marco Materazzi, hatte Zidane zuvor verbal provoziert, indem er sexuelles Interesse an dessen Schwester ausgedrückt hatte. Ein tieferer, politischer Hintergrund kann hierbei aber ausgeschlossen werden. Zweites Element ist ein Standbild aus einer Dokumentation des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, bei dem Jürgen Rieger auf dem Gelände des Heisenhofes in Bremen zu sehen ist. Diese Aufnahme “im Gehen” scheint von den Plakat-Gestaltern ausgewählt worden zu sein, weil sie in ihrer Dynamik am besten zum Zidane-Bild passte. Drittes Element ist der Ausdruck “Mit Köpfchen”. Zuerst einmal wird der Kopf im vorliegenden Fall als Behältnis und Ort des menschlichen Denkzentrums angesprochen. Durch die Verwendung von “Köpfchen” wird zusätzlich die Überlegenheit des Denkens gegenüber emotional geprägten Handlungen betont, weil sogar die mit der Verniedlichungsform ausgedrückte, vermeintliche Schwäche und Unterlegenheit nichts daran ändern kann, dass Ratio und Logik über Gefühl und körperliche Kraft triumphieren. Nicht zuletzt beinhaltet das “-chen” zusätzlich eine persönliche Verbundenheit aus der Perspektive des Schreibenden bzw. Senders und soll ebenso Sympathie für die damit ausgedrückten Inhalte beim Leser bzw. Empfängers hervorrufen.

Das dem Plakat zugrunde liegende Paradox ist, dass bei dem besprochenen Beispiel Zidane seinen Kopf nicht wirklich zum Nachdenken nutze, sondern spontan körperliche Gewalt ausübte. Die Antifa verwendet den Ausdruck also in seiner ursprünglichen und nicht in der mittlerweile in der Gesellschaft bekannteren, übertragenen Bedeutung. Ich sehe in diesem Werk eine Bestätigung meiner zu Anfang formulierten These vom Einfluss der Mediengesellschaft auf die politische Linke. Denn hier wird mit den Elementen “Zidane-Kopfstoß, Rieger, Mit-Köpfchen-Spruch” ein schneller humoristischer Effekt erzielt, der den Kunden zum Kauf bzw. den Betrachter zur Teilnahme an den beworbenen Demonstrationen motivieren soll. Eine tiefere Verbindung zwischen den Abgebildeten Personen und Situationen gibt es jedoch nicht. Genauso wie uns auch in der kommerziellen Werbung nicht wirklich klar ist, wieso wir nach dem Genuss eines bestimmten Schokoriegels besser Tennis spielen sollen oder wie es sich auf den Geschmack eines Saftes auswirken soll, wenn eine prominente Persönlichkeit für ihn wirbt.

Ein weiteres Beispiel für heutiges linkes Plakat-Layout, das ich allerdings nun nicht so ausführlich besprechen werde, ist ein schon etwas älterer Aufruf zur Demonstration gegen den Umbau des Wasserturmes im Hamburger Schanzenpark zu einem Mövenpick-Hotel. Ich wage zu bezweifeln, dass den abgebildeten drei Akteuren wirklich tiefere inhaltliche Überlegungen vorausgegangen sind, außer es handelt sich um eine Selbstironisierung der eigenen Wahrnehmung in konservativen Kreisen als Flaschen werfende Lara Croft und Bomben zündender Gefängnisinsasse. Bemerkenswert dagegen ist in meinen Augen der an den Hotelbetreiber Möwenpick angelehnte, preiswürdige Kalauer “Picknick in der Höhle des Möwen“.


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