Arbeitsschutz
Als ich im September letzten Jahres Österreich besuchen konnte, hielt sich dort gleichzeitig noch mindestens ein weiterer Deutscher auf, den ich dann in Wien nur um einen Tag verpasste: Der Papst. Immerhin bekam ich noch mit, wie vor dem Stephansdom sein Podium abgebaut wurde. Und dabei entstand das obere Bild. Der obere der beiden Männer steht nur auf den Kufen des Gabelstapler-Aufsatzes. Anscheinend ist er mit einem kleinen Kabel irgendwo gesichert, wo genau lässt sich aber auch im Originalbild in höchster Auflösung nicht erkennen. Alles in allem wunderte ich mich über diese freie Interpretation von Arbeitssicherheit und führte es für mich auf die Ungeduld der Männer zurück, die vielleicht einfach nur möglichst schnell nach Hause wollen und sich die Zeit sparten, eine weniger wackelige Methode anzuwenden. Meine zweite These steht der ersten genau diametral gegenüber. Hierbei dachte ich, dass es nicht um Hektik und Stress ging, sondern sich vielmehr jene eher lockere und entspannte Lebenseinstellung, die ich bei unseren Nachbarn bemerkt zu haben glaube, eben auch im vorliegenden Fall zum Zuge gekommen ist. Aber vielleicht liest ja der eine oder andere echte Österreicher oder zumindest Österreichkenner diese Zeilen und kann meine Thesen widerlegen oder sogar eine weitere beisteuern.





Arbeitsschutz bedeutet bei uns auf dem Papier:
“Sie müssen hier unterschreiben, dass Sie die UVV gelesen haben und versichern, diese einzuhalten”
Und in der Realität:
“Wieso hat denn das so lange gedauert, hören Sie mal, wie sollen wir dem Kunden das gegenüber denn rechtfertigen und in Rechnung stellen?”
Und wenn was passiert:
“Ja, Sie haben doch unsere UVV unterschrieben…wieso haben Sie sich denn nicht daran gehalten?”
Und später beim Arbeitsamt:
“Sie haben eigenmächtig einen Job gekündigt, tut uns leid, wir müssen ihnen das Geld kürzen – sie wollen ja gar nicht Arbeiten”
Mensch. Es wäre echt bedauerlich, wenn es tatsächlich Fälle geben sollte, bei denen es so verläuft. Hast Du da persönliche Erfahrungen?
Leider Ja, wenn ich musikalisch wäre, könnte ich eine ganze Ballade darüber singen.
Meine Erfahrungen diesbezüglich beginnen bei einem 13 Jahre lang nicht vorhandenem Rettungsdreibein, das eigentlich eine Person sichern soll, die eine Grube besteigt.
Weiter über ein nicht-gewartetes Gaswarngerät und die Aufforderung, trotz zu hohem MAK Wert(*) eine Grube zu besteigen, bis hin zu dem sorglosem Umgang mit gefährlichen Chemikalien.
Es kann (will) sich auch keine Firma wirklich leisten, alle in der UVV angegebenen Sicherheitsvorschriften anzuwenden.
Ich hatte mal vor, in diesem Bereich aktiv zu werden und mich dafür einzusetzen, aber das wäre ein Kampf gegen Windmühlen. In den Schlagzeilen den Zeitung wird man auch immer nur lesen:
“Die Mitarbeiter haben trotz Vorschriften die Sicherheitsregeln nicht beachtet” – es sieht aber so aus, dass man untragbar für eine Firma wird, wenn man sich zur sehr mit “Eigenschutz” beschäftigt.
*(Maximale Arbeitsplatz-Konzentration von Gefahrstoffen)
@Martin: Danke für die Beispiele. Hört sich erschütternd an. Wird nicht von Seite der Behörden kontrolliert, ob die Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden?
Ja, natürlich wird auch kontrolliert. Es wird in den meisten Fällen ein Sicherheitsbeauftragter gestellt, der den Kopf dafür hinhält, wenn der Fall der Fälle eintritt. Viele Firmen bestellen sich einen externen Sicherheitsbeauftragten, der allerdings nur die Regeln aufstellt und die Mitarbeiter unterschreiben läßt, damit ER sich rechtlich absichert. Als Mitarbeiter unterschreibst Du also eine Reihe von Regeln, bei denen Dir von vornerein klar ist, dass Du sie gar nicht einhalten kannst. Mündlich wird Dir dann immer wieder gesagt, dass Du alles “nicht soooo genau” nehmen sollst. Ich wurde mal gefragt, warum ich eigentlich nicht den Sicherheitsbeauftragten spielen möchte, – ich habe es mit der Begründung abgelehnt, dass meine erste Handlung dann wäre “mir selbst das Arbeiten zu verbieten” – traurig aber wahr.