Die Überschneidung von realem und digitalem Leben
Ich bin krank. Keine Sorge, nichts schlimmes, nervt nur. Aber dies soll auch nicht die Hauptmessage dieses Beitrags sein, sondern nur der Anlass dazu. Ich glaube weder, dass es einen Großteil der Leser interessiert, noch dass ich mein Leben in solchen intimen Aspekten bis auf das kleinste Detail preisgeben möchte. So gibt es auch beim Bloggen/Twittern für mich ziemlich deutliche Grenzen, was für Fotos ich veröffentliche und was ich von mir und meinem Privatleben zeige.
Nun erzählte ich einem Freund – und fleißigen Mitleser – von meinem Gesundheitszustand und bekam eine fast ungläubige Reaktion – “Krank, echt? Das merkt man Deinem Blog aber nicht an.” Damit meinte er wohlgemerkt nicht direkt, dass ich nichts zu dem Thema geschrieben hatte, sondern dass in den letzten Tagen eine gleiche und regelmäßige Zahl von Beiträgen erschienen ist, wie auch in einer “gesunden Woche”. So werde ich mir langsam den Auswirkungen bewusst, wenn man Informationen im Netz veröffentlicht. Es entsteht sozusagen neben der realen eine zweite Identität, eine digitale. Und wenn Leser sich über die Funktionsweisen nicht im Klaren sind (vielleicht weil sie auch gar nicht über das blogrelevante technische und strukturelle Hintergrundwissen verfügen), kann es vorkommen, dass sie ohne Vorbehalt vom digitalen auf das reale Leben des Bloggers schließen
Wer sich das nicht vor Augen führt, mag vor allem bei sehr aktiven Bloggern denken, sie würden nur dass erleben, was sie auch bloggen, oder im Umkehrschluß etwas nicht erlebt haben, wenn davon nichts im Blog zu lesen ist. Dabei können neben Zeitmangel, rechtlicher Vorbehalte, technischer Probleme oder schlichter Unlust eine Vielzahl von Aspekten dafür sorgen, dass etwas nicht als Beitrag erscheint, obwohl es dem Blogger tatsächlich passiert ist. Andersherum gibt es ja ähnlich wie im literarischen Bereich – außer bei journalistischen Angeboten – beim Medium Blog keinerlei Verpflichtung zur Wahrheitstreue. Warum sollte jemand nicht schlicht und einfach Geschichten erfinden, Aspekte betonen, weglassen, Überschriften aufgeilen? Lässt sich also vom Geschehen auf dem Blog auf das tatsächliche reale Leben des Bloggers schließen? Nein.
Die von mir verwendete Software WordPress bietet eine automatische Veröffentlichungsfunktion an. Theoretisch kann ich also tot sein, aber noch Wochen oder Monate täglich Beiträge auf meinem Blog erscheinen lassen, die ich vorbereitet habe. Lässt sich also vom Geschehen auf dem Blog auf mein tatsächliches Befinden schließen? Nein. Öfter schreibe ich Beiträge abends und stelle den Timer auf den nächsten Morgen um 7 Uhr. Denken manche jetzt, dass ich um 5 oder 6 Uhr aufstehe, um rechtzeitig den Text fertiggestellt zu haben?
Die oben angesprochene Überschneidung von realem und digitalem Leben sowie realier und digitaler Identität wird mich sicherlich nicht zum letzten Mal beschäftigt haben. Spätestens wenn irgendwann Freunde, Bekannte, Chefs und Kollegen regelmäßig das eigene Blog mitlesen muss man mit Missverständnissen oder falschen Vorstellungen rechnen. Letztendlich sehe ich da auch keinen Ausweg.
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