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Archiv für Februar, 2009

Abendzeitung und Welt-Kompakt halten interredaktionellen Austausch via Twitter

9. Februar 2009 4 Kommentare

Ich hatte in den letzten Tagen meinen Twitter-Account reaktiviert. Anscheinend erlebt dieser Dienst gerade einen gewissen Boom, nachdem es bereits ein paar größere Aufmerksamkeitswellen dafür gab. Aber weiter im Text: Da ich nun selbst wieder häufiger Twitter nutze, lese ich natürlich auch selbst andere Tweets, bevorzugt zum Thema Journalismus und musste feststellen, dass da eine ganze Reihe Redaktionen von deutschen Medien zurzeit munter beim Microblogging dabei sind und so richtig Spaß an der schnellen und unkonventionellen Kommunikationsform gefunden zu haben scheinen.

Ein aktuelles Beispiel gefällig? Es ist schon lustig, was in den letzten Stunden unter anderem bei den Twitterfeeds der Abendzeitung (Twitter/Page/Wiki) und Welt-Kompakt (Twitter/Page/Wiki) zu lesen war. Da entwickelte sich ein lustiger Dialog über die Frage der Neubesetzung des Bundeswirtschaftsminister-Postens:

Welt-Kompakt:
Karl-Theodor zu Guttenberg wird laut „Abendzeitung“ neuer Bundeswirtschaftsminister. mal schauen

Abendzeitung:
AZ-Recherchekönigin Angela Böhm hat´s raus: CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg wird neuer Bundeswirtschaftsminister. Später mehr

Welt-Kompakt:
@Abendzeitung aber wenn’s nicht stimmt, habt ihr ein problem, oder?

Abendzeitung:
@weltkompakt Natürlich stimmt´s. Oder vertraut Ihr nicht dem Wächterpreisurteil über “Miss Marple der bayerischen Politik” http://is.gd/iQ7v…

Abendzeitung:
@weltkompakt Wenn´s stimmt, werdet Ihr unser Follower, abgemacht? Hier steht, wie zu Guttenberg #Glos beerbt http://is.gd/iQ4O

Welt-Kompakt:
@Abendzeitung deal

Welt-Kompakt:
@Abendzeitung glauben ist gut, aber warum kommt der freiherr erst im letzten absatz? #handwerk

Abendzeitung:
@weltkompakt Freiherr kommt im letzten Absatz, weil Böhm hier beides macht, online & Print – Stilkritik später. Texte kommen alle frisch

Abendzeitung:
Hm, wir trauen´s uns kaum noch zu twittern: Schlagzeile vom Gutti wankt gerade mächtig, wir stoppen mal die Maschinen.

Welt-Kompakt:
das mit dem followen wird wohl nichts, liebe abendzeitung

Abendzeitung:

@weltkompakt Das muss man sportlich sehen, Kollegen. Wann lagt Ihr zuletzt daneben? Und außerdem: Die Dinge sind im Fluss

Welt-Kompakt:
dpa sagt jetzt, dass Bayerns Finanzminister Fahrenschon Wirtschaftsminister wird. abendzeitung hält dagegen. was denn nun?

Abendzeitung:
@weltkompakt dpa ist sich wohl nicht mehr sicher. Plötzlich werfen sie Gutti wieder rein. AP auch. Chaos! Wisst Ihr´s denn nicht (besser)?…

Welt-Kompakt:
immer diese nachrichten. stören doch nur beim zeitungmachen

Abendzeitung:

@weltkompakt Richtig. Wer nicht recherchiert, macht auch nix falsch. Wir glauben weiter an Gutti – und wissen, wissen tut´s nichtmal die CSU

Abendzeitung:
Closing Time, Hopfenpost (11): Heute wird kein Minister mehr gekürt. Frau Böhm schläft schon. Letzter Blick #Glos http://twitpic.com/1ebn6…

Aus Twitterfeeds zitieren ist etwas mühseelig und auch noch ungeübt. Wer sich die Mühe macht, beide Accounts weiterzulesen, wird feststellen, dass es nicht das erste Mal war, dass sich diese oder andere Redaktionen persönlich ansprechen und dass es dabei bisweilen auch recht lustig zugehen kann. Wie schon angedeutet, scheinen noch eine ganze Reihe anderer Medien ebenfalls zu twittern und es dabei nicht nur beim blinden Hineinkopieren von Links auf eigene Online-Artikel zu belassen. Ich finde es einfach nur faszinierend, wie sich Redaktionen aus unterschiedlichen Verlagshäusern nun öffentlich über ihre Inhalte unterhalten und dabei sogar Wetten abschließen. Nicht minder spannend ist es, wie sich zukünftig diese direkte und vor allem aktuelle Interaktion mit Redaktionsfremden weiterentwickeln wird. Eventuell ist es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Redaktionen einzelne Beiträge kurz vor dem Druck noch mal von engagierten Twitterlesern kostenlos Korrektur lesen lassen.

Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass diese Form der Außenkommunikation bislang ohne eine offizielle Kontrolle durch die jeweiligen Presseabteilungen der Verlagshäuser stattzufinden scheint. Damit begeben sich die Twitterer in Gefahr, irgendwelche spontanen Dinge zu äußern, die ihnen später von der Geschäftsleitung als Kompetenzüberschreitung ausgelegt werden könnten. Ein Graubereich. Aber es sorgt für einen frischen und authentischen Stil, der beim Lesen richtig Spaß macht.

Dokumentation über bloggende chinesische Journalisten

4. Februar 2009 Keine Kommentare

Erster Guck-Tipp: Heute Abend gibt es wieder die neueste Ausgabe von ZAPP, die sich auch spätestens morgen im Laufe des Tages online auf der dazugehörigen Internetseite ansehen lassen sollte. Wer sich für Journalismus und Medien in Deutschland interessiert, hat zurzeit – vor allem was Fernsehsendungen betrifft – wenig Alternativen. Fazit: Angucken!

Und in den Kurzmeldungen der Zapp-Sendung der letzten Woche bin ich auf die Dokumentation aufmerksam geworden, die ich hiermit als zweiten Guck-Tipp ausdrücklich empfehlen möchte. In der Dokumentation “Unbequem und unbestechlich” berichtet der ARD-Korrespondent Jochen Graebert von jungen chinesischen Journalisten, die meist unter erheblichen beruflichen, finanziellen, sozialen und auch gesundheitlichen Gefahren investigativ arbeiten und ihre Ergebnisse auf Blogs veröffentlichen. Herausgekommen ist ein handwerklich einwandfrei gearbeitetes und inhaltlich hochspannendes Stück Journalismus, das gerade uns in Deutschland ein Lehrstück dafür sein kann, wie wichtig es ist, für seine Überzeugungen einzustehen. Nicht ohne Grund hat Jochen Graebert dafür nun eine Nominierung für den Grimme-Preis erhalten. Fazit: 43 lohnende Minuten, unbedingt in der ARD-Mediathek angucken!

Kurzinfo von der Mediathekseite:

Investigativer Journalismus in der Volksrepublik China, das klingt wie Feuer und Wasser. Doch es gibt auch dort brillante Rechercheure, die über Korruption, Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen und Ausbeutung berichten. Natürlich tun sie dies nicht in den staatlich streng zensierten Zeitungen und Fernsehprogrammen, sondern im Internet. Hier testen Blog-Journalisten, mutig und gewieft, jeden Tag die Grenzen der politischen Freiheit. Dabei riskieren sie oft genug ihre eigene. Ein ARD-Team begleitet chinesische Reporter auf ihrer gefährlichen Recherche nach der Wirklichkeit im roten Reich der Mitte. Und porträtiert im Kontrast dazu auch die Arbeit von Journalisten in den offiziellen Staatsmedien. Der Film beleuchtet nicht nur die gigantischen Probleme und Missstände der aufstrebenden Weltmacht. Er wirft auch ein Licht auf das politische System Chinas. Denn obwohl die allmächtigen Kommunisten Transparenz und Öffentlichkeit fürchten und bekämpfen, wissen sie inzwischen selbst, dass sich die gewaltigen Probleme der Modernisierung nicht durch Propaganda lösen lassen. Und so entstehen Spielräume und Grauzonen, die Chinas mutige Aktivisten entdecken und nutzen. Auf eigenes Risiko, denn für das, was sie schützen würde, kämpfen sie ja noch: Einen Rechtsstaat, in dem nicht Willkür, sondern das Gesetz regiert.

Google, Bambi und der Weg einer Meldung

3. Februar 2009 Keine Kommentare

Screenshots der betreffenden Szene aus Streetview

Einer der Kamerawagen, mit denen das Unternehmen Google zurzeit in mehreren Ländern Straßen abfotografiert, um sie später im Rahmen des Projektes “Streetview” online begehbar zu machen, hat im amerikanischen Bundesstaat New York ein Rehkitz angefahren. Aufgefallen ist das Ganze anscheinend erst, als die betreffenden Bilder über Streetview einsehbar waren. Anschließend hat Google die Aufnahmen entfernt, weil mehrere Nutzer über die Beschwerdefunktion von Streetview ihr Missfallen geäußert haben sollen. Während diverse Blogger und Online-Journalisten nun ihre Kreativität ausleben können (“Google ist doch böse”, “Google killt Bambi”) und Google in einer offiziellen Stellungnahme den Vorfall bedauert und Verhaltenstipps für solche Fälle wiederholt, finde ich es interessant, wie sich der Verbreitungsweg der Meldung nachverfolgen lässt:

1. Darauf gestoßen bin ich auf dem Blog Ringfahnung.de des Hamburgers Erik Hauth:
Google Streetview killt Bambi und entfernt Beweisfotos (30.1.2009)

2. Der hat es von dem Magazin/Blog DE:BUG:
Beweis Google doch böse (30.1.2009, 13:04 Uhr)

3. DE:BUG verweist als Quelle auf die Twitter-Suchmaschine Twitturly
Twitturly-Eintrag (29.1.2009, 9:49am amerikanischer Zeit)

4. Laut Twitturly enthalten bis zu diesem Zeitpunkt bereits 818 Twittermeldungen den Link auf einen Gizmodo-Bericht zu dem Thema:
Google Maps Car Hits a Deer (29.1.2009, 12:40pm – amerikanischer Zeit)

5. Der Gizmodo-Bericht bezieht sich auf das Blog The Daily What
Google Maps find of the day: The Google Maps van runs over a baby deer (29.1.2009)

6. Und von dort führt der Weg zu einem Eintrag bei der Neuigkeiten-Topliste reddit (eine Art Digg)
Young Deer hit by google map VAN. Cought on street view (29.1.2009)

Der Nutzer bei reddit gibt leider keine Quelle an. Ich hab mal nach Beiträgen geschaut, die schon vor dem 29.1. über das Thema berichtet haben, aber auf die Schnelle nichts entdeckt. Auch die anderen Blogs, die ebenfalls am 29.1. berichtet haben wie dieses und dieses beziehen sich bereits auf den Eintrag in “The Daily What” (Siehe oben Schritt 5).

Zeitweise dachte ich, dass die Meldung eventuell von dem kleinen Eintrag Google Maps Street View Captured Running Over a Baby Deer! auf der Seite Streetviewgallery stammt, die anscheinend darauf spezialisiert ist, merkwürdige und kuriose Fotos auf Streetview aufzuspüren und zu veröffentlichen. Dort wird nicht der Zeitpunkt der Erstellung angegeben, sondern wieviel Zeit seit der Onlinestellung des Beitrages vergangen ist. Jetzt wird das Ganze zu einer komplizierten Rechenaufgabe mit den Zeitzonen, von denen ja bereits die USA fünf haben, und da ich nicht genau weiß, in welcher Zone sich die betroffenen Seiten und Medien jeweils befinden, schließe ich an dieser Stelle meine kleine Nachforschung.

Was lässt sich nun aus der oberen Auflistung schließen? Anscheinend spielen Nachrichten-Aggregatoren-Seiten nach Art von reddit oder Digg (oder im deutschen Raum Yigg und Webnews) eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Meldungen, da sie diese Ihre Inhalte sowohl aus Blogs nehmen können, die dann anschließend wieder von Bloggern gelesen und aufgegriffen werden können. Zudem scheint Twitter im vorliegenden Fall (Schritt 3.) hier ebenfalls eine wachsende Relevanz zu besitzen. Über 800 Verlinkungen für den Gizmodo-Artikel alleine innerhalb von vier Tagen halte ich schon für eine beeindruckende Zahl.

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