Warum ich Blogs lese – Vier Mal kompetente Medienkritik
Gerade erlebt die medienkritische Berichterstattung in der deutschen Blogosphäre ein paar goldene Tage. Ich habe selten so viele wertvolle und vor allem unbequeme Beiträge zu so vielen verschiedenen Themen in so schneller Frequenz gelesen.
Indiskretion Ehrensache über boulevardeske Tendenzen
Unter dem Titel “Verwirrung, Chaos, Panik, Tote, Verletzte” stellt Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer in für ihn schon fast ein bisschen ungewohnt kritischer aber nicht weniger berechtigter Manier die Arbeit von Kollegen an den digitalen Pranger. Zuerst spricht er sich gegen die Berichterstattung eines Kollegen über die Bekanntgabe der Quartalszahlen von Apple aus. Der Kollege schreibt in seinem Beitrag von einer Verwirrung, da die von Apple angegebenen Verkaufszahlen des iPhone deutlich höher seien, als nach bisherigen Aussagen des Telefondienstleisters AT&T, der die Geräte in den Staaten exklusiv mit Vertrag vertreibt. Knüwer stört sich daran, dass zu Beginn der Geschichte ein Konflikt aufgebaut wird, der aber gar nicht existierte und was durch Erklärungen in späteren Abschnitten des gleichen Artikels sowieso obsolet werde.
Anschließend widmet sich Knüwer der sensationshaschenden Meldungen in deutschen Medien über die Gasexplosion in New York, nach der eine ältere Frau einen tödlichen Herzinfarkt erlitt. Private wie öffentlich-rechtliche Medien hätten unmittelbare Verbindungen zum Schrecken des 11. September 2001 hergestellt und damit bei zahlreichen Menschen tiefe Sorge um das Wohl ihrer Verwandten oder Kollegen in New York ausgelöst. Tatsächlich aber sei die Explosion in New York selbst so gut wie unbemerkt geblieben. Bei der in dem dpa-Beitrag beschriebenen “Explosion der Angst” habe es sich wohl um eine ziemliche Überspitzung der betreffenden Korrespondentin gehandelt. Knüwer endet mit weisen Worten, die den Alltag deutscher Auslandskorrespondenten gut charakterisieren:
Doch dass etwas nicht ist, ist keine Geschichte. Nun sitzt da eine Korrespondentin und will ihre Arbeit unterbringen. Sie ruft denjenigen an, der das Tagesgeschäft koordiniert. Und dem muss sie die Story verkaufen. Das Wort “verkaufen” beherbergt schon die Falle. Es ist kein Themenabonnement mit der Sicherheit, dass der Text abgenommen wird. Es geht um das Verkaufen. Niemand hat das besser raus als der Boulevard.
Ronnie Grob von Medienlese.com über die Schweiz-Berichterstattung in Deutschland
Der Kollege Ronnie Grob vom Schweizer Blog medienlese.com hat in “Alpenliebe, die Zweite” eine interessante Analyse der Schweiz-Berichterstattung in den deutschen Medien veröffentlicht und dabei den besonderen Fokus auf die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung gerichtet.
Während unsere Auswertung im November 2006 ergab, dass innert sechs Monaten 28 Texte zur Schweiz erschienen sind, hat die Frequenz seit damals etwas abgenommen. Inhaltlich sind sich die Texte gleich geblieben: Lobhudelnde Texte über paradiesische Zustände, die genauso gut in Werbeprospekten stehen könnten.
Grob spricht auch weitere deutsche Medien an, die aber inhaltlich nicht an den gefühlten Werbe-Gehalt der Süddeutschen heranreichen würden. Am Ende resümiert er, dass Konsumratgeber wie auch Reiseratgeber publizistischen Produkten viel Werbung einbringen würden, aber – was kritische Berichterstattung betrifft – immer eine Gratwanderung seien.
Stefan Niggemeier über Agenturgläubigkeit und mangelnde Fachkenntnis in Redaktionen
Stefan Niggemeier hat sich in “Journalisten mit Fachkenntnis gesucht” dem “Vattenfall-Fall” angenommen. In den Köpfen irgendwelcher Manager oder Marketing-Strategen des Stromkonzerns kam die glorreiche Idee auf, das deutsche Tochterunternehmen “Vattenfall Europe” zu nennen, während der europaweit agierende schwedische Mutterkonzerns einfach nur “Vattenfall” heißt. Fatal wirkt sich diese Kuriosität aus, wenn in den Medien von Ernennungen, Rücktritten und sonstigen Manageraktivitäten des Hauses die Rede ist. Denn dann wird in systematischer Regelmäßigkeit aus dem Chef von Vattenfall Deutschland der Europa-Chef. Niggemeier kritisiert zu Recht, dass in praktisch allen wichtigen elektronischen und gedruckten deutschen Medien keine Journalisten zu existieren scheinen, denen dieser Fehler nicht unterlaufe.
Und in der Tat: Die deutsche Tochter von Vattenfall heißt Vattenfall Europe. Verrückt. Da kann man sich als Laie schnell mal vertun. Aber die Leute, die dafür bezahlt werden, zu Vattenfall-Europe-Pressekonferenzen zu gehen, die vielleicht schon mal ein Organigramm von Vattenfall gesehen oder etwas über Struktur und Geschichte gelesen haben sollten, die sich täglich mit Energieunternehmen beschäftigen, um uns, die wir weniger wissen, darüber zu informieren, die müssten das doch wissen.
Horst Müller über Verzerrungen der Realität bei Antenne Bayern
Unter der Überschrift “Antenne-Attacke auf Bayerns Schüler” erläutert Horst Müller auf blogmedien.de den Hintergrund einer öffentlichkeitswirksamen Ticket-Verschenk-Aktion des Radiosenders Antenne Bayern. Insgesamt hundert Karten sollten Schüler für das ausverkaufte Konzert der Sängerin Pink am kommenden Sonntag in Teisnach gewinnen können. Dazu mussten sie nur unter ihrem Stuhl einen von Mitarbeitern des Senders angebrachten “pinken” Zettel entdecken. Allerdings empfanden die Radiomacher die regulären bayrischen Schulzeiten als Problem.
Glückliche Gewinner der Höreraktion sollten nämlich in der morgendlichen Haupthörzeit und nicht etwa erst nach 8 Uhr – wenn die Hörerzahlen wieder sinken – auf dem Sender erscheinen. Damit dabei ganz bestimmt nichts schief läuft, hatten Antenne-Mitarbeiter am Montag unter anderem Kontakt zum Maria-Ward-Gymnasium in Altötting aufgenommen. Man habe seitens Antenne dringend darum gebeten, dass am folgenden Tag bereits ab 6 Uhr Schüler anwesend sein sollten, bestätigte der stellvertretende Schulleiter Andreas Rohbogner gegenüber blogmedien. In Altötting wurden daraufhin am Montag Schäler der Oberstufe K12 gezielt informiert, dass es durchaus “ratsam” wäre, am nächsten Morgen bereits zwei Stunden vor Unterrichtsbeginn im Gymnasium zu erscheinen. Oberstudienrat Rohbogner will nicht ausschließen, dass in diesem Zusammenhang auch auf Antenne Bayern verwiesen wurde.
Müller schließt, dass “gutgläubige Schulleitungen, die ihren Schützlingen kurz vor Ferienbeginn in Bayern mit der Teilnahme an der Antenne-Aktion noch etwas besonderes bieten wollten” auf diese Weise “zu unfreiwilligen Helfern bei einer teilweise manipulierten PR-Aktion des Senders” geworden seien.
Mag jeder Leser nun für sich selber über die mediale Relevanz der oben erwähnten Geschichten entscheiden. In meinen Augen sind sie gerade in ihrer Gesamtheit ein Beispiel dafür, welche Möglichkeiten das Medium Blog Journalisten bietet und zwar sowohl aktiv beim Produzieren und Einstellen eigener Beiträge wie auch passiv beim lesen fremder Stücke.
Ob es eine deutsche Zeitung geben würde, die alle vier Beiträge veröffentlicht hätte und dabei riskieren würde, sich gleichzeitg wie Knüwer mit dpa, wie Grob mit der Süddeutschen, wie Niggemeier mit sämtlichen zitierten Medien und wie Müller mit Antenne Bayern anzulegen?




